Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Das Hohelied fallens, des Angenehmen. Gedankennähe ist ihr ein .,Siegelring auf dem Herzen“, die Liebe ein ״Feuer göttlicher Flamme“. Des Hauses Kraft und Schönheit stellt sie als ״Zederngebälk und Zypressengetäfel“, oder die Gesundheit des Leibes als Fülle glänzenden Haares und Harmonie blendend weisser Zähne. Schier unerschöpflich ist die Kraft, mit welcher die Gedanken in die Bildform gebannt werden. Diese Bildersprache ist kein blosses Ornament, kein poetisches Spiel. Sie hat im allegorischen Charakter des ganzen Bildes ihre Wurzel und ergibt sich aus ihr mit künstlerischer Folgerichtigkeit. In der Allegorie tritt an die Stelle des zu behandelnden Gegenstandes sein Bild, dieser selbst bleibt unsiehtbar im Hintergründe wie die platonische Idee hinter den einzelnen Dingen. In dieser Gleichsetzung Y0n Objekt und Bild liegt immer ein künstlerischer Mut; es hebt das Bild weit hinaus über seinen Eigenwert, es lässt in solcher Identifizierung die hohe Weihe und Würde alles Irdischen ahnen, dass es stellvertretend das Unaussprechliche, das Kind der Geisteswelt darstellen und ersetzen darf. August Wünsche sagt darüber einmal: Stünde nicht alles Endliche zu einander in einem gewissen Gleichheits- oder Aehnlichkeitsverhältnis, repräsentierte nicht jedes Wesen und jede Wesenheit auf eigene Weise den ganzen Gliederbau des Weltalls, so könnte das eine dem andern schlechterdings nicht als Abbild dienen. Und gehen wir noch ein Schritt weiter: Da alles in Gott ist, ... 80 ist jedes Wesen und jede Wesenheit auf eigne Weise ein in seiner Art geschlossenes und vollständiges Gleichnis Gottes“ *). . . Darin erblickt Wünsche den höchsten und letzten Grund des sprachlichen Bilderschmucks. Nirgends gilt dieser hohe Gesichtspunkt aber mehr als im H. L. Das ist die Kraft der Liebe, dass sie alles, was in ihren Bereich tritt, adelt und emporhebt. Da verschwindet überhaupt der Gegensatz und Dualismus von Leib und Seele, von Körper- und Gedankenwelt. Nichts Sinnliches, das in nicht in diesem heiligen Gefühle lediglich als Band der Seelen empfunden wird; *) Die Bildersprache des Alt. Testaments 1906, S. 21.