Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Die ״ Volksreligion “ Israels politischen Selbständigkeit die Religion der Kraftquell war, der seine nationale Existenz durch die Jahrhunderte hindurch gerettet hat. Aber die Kunst ist nicht das Mark gewesen, wovon die Volksindividualität der Hellenen ihr Dasein gefristet hätte. — Zweitens entspricht dies wohl dem natürlichen Triebe des Menschen, die Umgebung seines Lebens durch schöne Gebilde zu schmücken und das Leben selbst sich durch Ausübung von Künsten zu erheitern. Für das ästhetische Streben, das wir in Hellas finden, brauchen wir also nicht nach einem aussergewöhnlichen Quellpunkt zu suchen. Aber es kann nicht vorausgesetzt werden, dass ein Volk von Natur eine Idee erzeugen und ein Ideal zu verwirklichen streben sollte, die der natürlichen Neigung des Menschen widerstreben. Israels geistige Führer hatten nun die Idee, dass Gott ein über alle sinnlichen Strebungen erhabenes — heiliges — Wesen sei, dass nicht Ehebrecherei im göttlichen Kreise geübt werde, wie auf dem griechischen Olymp, dass nicht Zank in der göttlichen Sphäre erschalle, wie im babylonischen Pantheon. Solche Ideen sind nicht ebenso natürliche Produkte, wie die Kunstbestrebungen. — Drittens zeigt sich folgender ganz merkwürdige Umstand in der Geistesgeschichte Israels. Wir finden, dass dieses Volk in der Periode des ungebrochenen religiösen Glaubens — nicht etwa erst in der Zeit der Zweifelsucht — den Gott seiner Väter oftmals verwarf und andern Kulten sich zuneigte. Folglich war die Religion, cvon der weite Kreise des Volkes so oft wegstrebten, nicht das Produkt des Volksgeistes. Sie kann nicht als die feinste Blüte des Volksgenius von Israel angesehen werden. Also aus zwei klaren Gründen muss der Geschichtsforscher, der, wie es seine Aufgabe ist, bloss die in den Quellen sich widerspiegelnde geschichtliche Wirklichkeit nachzuzeichnen strebt, sich davor hüten, den Ausdruck ״Volksreligion4‘ auf die wahre oder zurecht bestehende Religion Israels anzuwenden. Haben doch auch die prophetischen Vertreter dieser Religion in einem Geisteskampfe sondergleichen den Propheten gegenübergestanden, die das Volk ״seine Weisen“ nannte (Jes. 29,14), und hat doch