Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Die ״Volksreligion״ Israels minderwertige Sorte von Religiosität erwiesen, dass ihre Freunde oft (Hos. 4, 11—13 usw.) einem orgiastisch ausartenden Kultus, ja der Tempelprostitution zuneigten, welche auch das Schamgefühl ertöten musste, daher schon von Herodot (I, 199) ״die schändlichste Sitte“ der Babylonier genannt wurde. Dagegen die besondere Religion Israels bezeichnet auch einen Sieg der Menschheit über Vielgötterei und Bilderdienst, sexuelle Differenzierung der Gottheit und Götterzank, wie das alles uns aus der Umwelt Israels entgegenblickt und entgegenschallt. Und wie könnte ein Streit darüber sein, dass dieser Sieg das Emporsteigen zu einer höheren Stufe der menschliehen Kultur bedeutet? Die Geringschätzung der religiösen Stufe, welche von der prophetischen Religion Israels repräsentiert wird, ist aber ein um 80 grösseres Unrecht, weil sie dem Urteile widerspricht, das von ebendenselben Geistern der Neuzeit z. B. über die religiöse Leistung Zarathustras gefällt wird. Denn wie sehr wird dieser anerkannt, weil er ״die Gedanken der altiranischen Religion geklärt, zu allumfassendem Zusammenhang erweitert, vor allem sie ethisch verinnerlicht und vertieft hat7 ״)! Nun so möge man auch den geistigen Führern Israels, die als Gottes Herolde noch viel mehr auf dem religiösen Gebiete geleistet haben, zugestehen, dass sie ihr Volk auf der Freitreppe des Geistes emporleiten wollten! Man möge ihnen nicht die Ehre nehmen wollen, dass sie z. B. über den Polytheismus, die Idololatrie, die Astrologie (Jer. 10,2 usw.), die Vergötterung der Könige (Esth. 3, 2), die Tempelprostitution erhaben waren, und möge aufhören, die Partei derer zu ergreifen, die auf ein Niveau der Religiosität hinabsanken, das man ausserhalb Israels verurteilt! ' Aber auch mit dieser Bevorzugung der sogenannten Volksreligion Israels war noch nicht die Rolle ausgespielt, die in unsern Tagen dem Ausdruck ״Volksreligion Israels“ zuerteilt 7) Herrn. Oldenberg in ״Die Kultur der Gegenwart״ L III, 1 (1906), S. 81.