Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ״Volksreligion“ Israels 265 Die jetzt vielgenannte ״Volksreligion“ Israels. Von Geheimrat Ed. König* (Bonn). Bis vor nicht langer Zeit konnte man viele ausführliche Werke über die israelitische Religion durchlesen und fand, dass in ihnen gar nicht von ״Volksreligion״ gesprochen wurde1). Aber seit kurzem wird der Ausdruck ״die Volksreligion Israels״ sehr häufig gebraucht2). Wenn manche Israeliten sich bei Wahrsagern Rat holten, wie es leider Saul in der Verzweiflung tat (1. Sam. 28,7 ff.), oder wenn andere sich dem Kult des kanaanitischen Sonnengottes Baal zuwendeten (Rieht. 2,13 usw.), dann ist bei vielen neueren Darstellern der Religionsgeschichte Israels die stehende Ausdrucksweise, dass diese Israeliten der Volksreligion huldigten. Ist es nun gerechtfertigt, diesen modernen Sprachgebrauch zu billigen und nachzuahmen? Die richtige Beantwortung dieser Frage kann nur auf folgendem Untersuchungsgange gefunden werden. Nach den Quellen, die allein für die Darstellung der Religionsgeschichte Israels massgebend sind, gab es in diesem Volke eine Religion, in deren Pflege man sich mit den anerkannt besten Vorfahren der Nation einig wusste und bei deren Verleugnung man sich der Preisgabe des köstlichsten Erbgutes anklagen musste. Das war die Religion, die zu Abrahams Zeit begründet worden war (1. Mos. 12,1—3; Jos. 24, 2 f.). Denn obgleich die mosaische Epoche gleichsam im vollen Mittagsglanze vor den Augen der israelitischen Erinnerung lag, hatte man doch nicht das Aufdämmern des Tages vergessen, an dem der erste Vertreter der kulturellen Eigenart Israels in das Licht der Geschichte getreten ist. Das Wesen dieser Religion lag aber in der von den ältesten Quellen einhellig bezeugten Tatsache, dass Abraham in eine besondere Vorbindung mit der *) wie in G. F. Oehlers ״Theologie des Alten Testaments“ (1891). 2) wie in der ״Geschichte der israelitischen Religion“ von K. Marti (in Bern) 1907.