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Jeschurun · 1923-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1923) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1923)
Date
1923-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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254 Die grosse Versammlung verständlich gewesen, als ein Kriegsmittel im Kampfe um’s Sein, die Lüge überall und ununterbrochen bei den Kleinen und den Grossen der Erde. Recht und Freiheit und Menschenbeglückung und Selbstbestimmung und Abrüstung und Völkerbund und ewiger Friede, wem steigt nicht der Ekel auf, wenn er den Mund der Volksführer und Verführer von den salbungsvoll verkündeten Idealen triefen sieht? Wer redet uns da eine sittliche Erneuerung, eine religiöse Vertiefung auf? Im Taumel haltlosen Umherirrens sucht bald der Eine, bald der Andere Zuflucht bei dunklen Mächten, und in hochtrabenden Worten und mystischen Verzückungen erwartet man Heilung und Klärung. Nur den Einen, den Ewigen wollen sie nicht sehen, den Alten der Tage nicht suchen. Und wie im Denken und Fühlen, so im Handeln. Selten wohl gab es eine Zeit, in der eine tiefere Kluft sich aufgetan zwischen dem verkündeten Ideal und der Wirklichkeit. Und mehr noch als in der Vorkriegszeit feiern die Gier nach Gewinn, die Jagd nach dem, was sich so Glück nennt, der fressende Neid, das Beiseiteschleudern und Niedertreten des Mitbewerbers wahre Orgien. Ein Völkchen ist, dem an der Wiege schon vorausgesagt worden, es sei ein winziges unter allen Völkern. Gehasst und verfolgt wandelt es durch die Geschichte, von einem Hass umlodert, der so scheinbar garnicht im Verhältnis steht zu seiner Bedeutung, von einem Hass, der nur dadurch erklärbar, dass die Welt hier ihr Gewissen verkörpert sieht, dass dies Volk der Träger der Aufgabe ist, der die ganze Menschheit heranreifen soll und von der sie sich in allen Zeiten entfernt hat. Darum lodert in den Zeiten der tiefsten Erniedrigung der Menschheit dieser Hass umso gewaltiger auf. Freilich, dies Volk hat oft in grossen Teilen seines Bestandes seine Aufgabe verraten, das Gottesvolk hat den Namen seines Gottes entweiht und in seinem Schicksal darum der Sünde doppelten Sold gezahlt. Auch heute ist ein Teil: der Umgebung angeglichen, gierig und lügnerisch sich in dem gleichen Schlamme wälzend, in dem die anderen versunken, und ein anderer Teil, der sich im Blute noch ein

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