Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293019-2293023--06171-2299456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Das Hohelied 203 Ewigeo, das Sichtbare mit dem Reingeistigeu, aber nie m 0ralisch Widersprechendes, dass das Gemeine'Bild des Erhabenen, das Verächtliche Symbol des Grossen sein könnte. Wenn z. B. die Propheten Gott mit einem Löwen vergleichen, so geschieht es, weil in der Vorstellung des Löwen da3 Starke, Königliche, Machtgebietende überwiegt, weil unsere Fantasie an seinen Raubtiercharakter vergisst, ihn nicht sieht *). Wenn Issachar ein knochiger Esel, Josef ein Stier heisst, so war eine solche Ausdrucksweise nur möglich, weil diese Tiergestalten sympathische, wertvolle Züge dem biblischen Juden auslösten. Niemals aber kann ein sittlich Minderwertiges, eine Schlange, ein Hund, ein Fuchs der Bibel etwas Anderes als Bild des Niedrigen bedeuten. Das bräutliche oder eheliches Liebesverhältnis zwischen Mann und Weib war den Juden so heilig und hehr, dass nie ein Stachel bei der Uebertragung, ein Peinliches, ein Anstössiges, empfunden ward, dass seine Verwendung oder Ausdeutung für das Edelste, was Menschen kennen, auffallen konnte. Die Frage nach dem Sinn des Hohenliedes hatte daher kein Pikantes, kein Gewaltsames. Es ist gewissermassen ganz gleichgültig, ob es ein wahres Liebespaar Salomo und Sulamith, oder ob es ein ideales, übersinnliches meint. Es meint zum Mindesten beides, niemals nur das Letztere. Daher massgebende Erklarer beide Auffassungen in voller Gleichberechtigung neben einander stellen und dem Leser es völlig überlassen, wohin sein Gefühl sich entscheidet. In mustergültiger Weise hat es der grösste unserer Erklärer, Raschi in seiner Einleitung zu שיר השירים, der einzigen, die er einem biblischen Buche vorausschickt, formuliert. Einige markante Sätze daraus mögen hier angeführt sein: ״Ein einziges hat Gott gesprochen, ein zweifaches ist das, was ich daraus *) Allerdings kann mit bewusster Absicht, um das Ohr zu beleidigen, um das Schreckliche und Unerhörte der Ereignisse zu kennzeichnen, Hosea sagen [13,7]: Wie ein Tiger am Wege lauere ich, falle sie an wie ein blutrünstiger Bär, reisse ihnen das verstockte Herz heraus . . . Der Prophet will eben dem Hörer es zum furchtbaren Bewusstsein bringen: Gott wird alle Liebe und Schonung fahren lassen.