Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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202 Das Hohelied höhere Welt, bis die Erde für messianisches Glück reif geworden ist. Allen denen aber, die über die Auffassung des Hohenliedes als eines Sinnbildes die Achsel zucken, denen sei in ErinneruDg gerufen, dass eben dieses Bild sich durch die ganze Bibel hindurchzieht, dass alle Propheten es fast ständig im Munde führen. Kann es deutlicher ausgesprochen sein, wie in den angeführten Hoseaversen, die mit den stolzen, herrlichen Brautworten schliessen : ״ich traue mich Dir an in Treue“, und ״so wirst Du Gottes inne werden“? Kann es deutlicher ausgesprochen werden als wie Jesajas es mit den Worten 62, 5 tut: wie der Bräutigam sich freut der Braut, so wird Deiner sich freuen Dein Gott? Wird nicht die Allegorie als selbstverständlich und jedem geläufig vorausgesetzt, wenn Jeremija ganz unvermittelt im Motto dieses Kapitels von der Liebe Israels in seiner Brautzeit redet? Hat nicht in grossartiger, herber Realistik mit Malerpinsel Ezechiel im 16. Kap. Zug um Zug das gleiche Bild gemalt? War dieses Sinnbild nicht so vollkommen in das Volksbewusstsein übergangen, dass der religöse Abfall nie anders denn als Ehebruch bezeichnet werden konnte? Es ist ein unüberbietbar sprechendes Zeugnis für die hohe Keuschheit und Sittlichkeit des jüdischen Volkes, dass ihm die Liebe als Ausdruck des menschlich innigsten Bandes ohne weiteres Abbild und Zeichen der ״metaphysischen״ Liebe, der grenzenlosen Hingabe des Menschen und des Volksganzen an Gott werden konnte und werden musste. Daher blieb dieses Bild auch immer Eigentum des schlichten religiösen Gemüts und kehrt in hunderten von jüdischen Volksliedern immer und immer wieder. Es blieb nur denen unverstanden, denen die lntensität religiösen Fühlens immer hinter den starken beherrsehenden* Empfindungen der edlen oder unedlen Sinnlichkeit zurückblieb. Dem Juden war diese Allegorie keine Künstelei, kein von aussen Hineingetragenes, sie war das Selbstverständlichste von der Welt. Das Mascha!, der Vergleich stellt zwar substanziell Ungleichartiges zusammen, das Vergängliche mit dem