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Jeschurun · 1923-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1923) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1923)
Date
1923-05-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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198 Das Hohelied und Ideen hinführt; oder ob sie bei den sinnlichen, unbedeutenden Merkmalen stehn bleibt, die kahl und schal wirken wie Prosa, ohne die Innerlichkeit und Geistigkeit der Kunst. Selbstverstündlich stellt Schir Haschirim eine Liebe dar, führt dieses Thema streng und künstlerisch durch und bleibt durchaus im Rahmen] derselben. Und wenn der Verfasser selbst vor uns stände und bekundete, er wollte damit nichts als eine Allegorie geben, so wäre damit nicht im allergeringsten das Bild als solches in seinem Eigenleben und seiner Eigenbedeutung betroffen. Aber wie Goethe in ״Mahomets Gesang״ durch Ausdruck und Nüance den letzten Sinn seines Strombildes verraten hat, so ist Schir Haschirim voll der Anspielungen auf etwas Höheres, dem gegenüber die Exegese sonst versagen würde. Der Geliebte wohnt in ״duftigen Bergen״ und steigt nur dann und wann in seinen Garten hinab, um unter Lilien zu weiden und Rosen zu pflücken. Er ist ein Ungewöhnlicher in seiner Art, hervorragend unter Myriaden, mächtig wie Zedern, erhaben wie der Libanon. מה דודך מדוד, heisst es zweimal im Liede, ״was ist Dein Geliebter anders als jeder sonst?״ Er ist unauffindbar der irrenden Braut, wie allen ihn Suchenden. Er ist allen andren fremd — מי יתנך כאח לי וגד, — sie würde ob ihrer Liebe zu ihm verlacht und verspottet werden. Seine Liebe ist besser als Wein und Sinnenrausch. Wo die Braut von ihm in sinnlichen Farben redet, erfahren ihre Worte sogleich eine geistige Umdeutung: ״An Duft sind deine Salben lieblich״, sagt sie, aber sogleich: ״wie ausgegossenes Oel ist dein Namen, dein Wesen“; oder: ״wenn mein König seinen Festzug hält, soll mein Nardenbüchslein duften״, aber sogleich: ״das Myrrhenbündel ist der Geliebte mir, der ruht an meiner Brust״. Aber viel entscheidender dünkt uns die Frage nach der Person der Geliebten zu sein. Es heisst im Verse I, 3 ״ משכני אחריך נמצהhole mich, wir wollen Dir nacheilen“, ich frage: ist denn das logische Subjekt des Satzes Singular oder Plural? Die Modernen versuchen אחריך zu משכני zu ziehen: ״hole mich Dir nach, lasst uns eilen״ was zwar den Akzenten wider-

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