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Jeschurun · 1923-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1923) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1923)
Date
1923-05-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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188 Zwei Wege wert. Letzteres besonders *n der eisernen Stärke der Widerstandskraft gegenüber der Umwelt, in dem schlichten Sichgeben von Mensch zu Mensch, das Europas übertünchte Höflichkeit verwirft, in der selbstlosen Aufopferung im Dienste einer Sache, in der Jugendfrische, die sich der Chossid bis ins höchste Alter zu wahren weiss, wenn es die Erfüllung von מצות ומעשים טובים gilt. Doch er lässt es auch nicht an Kritik fehlen. Er hält den Chassidismus für eine Bewegung, in der Theorie und Praxis sich nicht genügend decken. Mehr als der Chossid Chassidus besitzt, glaubt er es zu besitzen. Sicher, das Wesen des Chassidismus wird durch eine tiefe Gedankenwelt und wundersame Handlungsweise gekennzeichnet, er berührt die grössten Probleme der Torah, das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen und den Mitmenschen untereinander. Er berührt aber wenig das eigentliche Urproblem der jüd. Religion, wie nun das Individuum all dies in die Wirklichkeit einführt, wie es sich in den Stand setzt, jederzeit das Fazit seiner Lebensrechnung ziehen zu können. Der beste Beweis: ein Chossid übt treffende Kritik und das recht häufig an seinem Nächsten, über sein eigenes Wesen gibt er sich nur allzusehr einer Selbsttäuschung hin. Der Durchschnittschossid redet sich z. B. ein, dass er schon durch sein Singen an sich eine Stufe der Heiligkeit errungen, dass seine sogenannte npnTstimmung ein reiner Ausfluss der Neschomo ist, während es sich wohl bei ihm nur um oberflächliche Regungen und vielleicht manchmal nur um physiologisch-bedingte Wallungen des Gemütes handelt. Selbstverständlich wird es niemand wagen, hier den Richter zu spielen. Keinem Chossid, selbst wenn er unter dem Durchschnitt steht, wäre hier ein Mangel an Aufrichtigkeit vorzuwerfen. Da ist keine Spur von Heuchelei, im schlimmsten Fall handelt es sich um leere Gewohnheit. Aber die ununterbrochene Selbstkritik, das plötzlich sich an die Stirn Fassen, der bohrende Gedanke bei jeder wichtigen Einzelhandlung im Leben: bin ich hier nicht vom rechten Wege abgewichen? kurz, die ständige reb'giöse Selbstbeobachtung, all das, was zusammenzufassen

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