Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293019-2293022--06137-2299421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 Ein jüdisches Lesebuch usw. und jüdisch-monotheistischer Weltanschauung nachdrücklich hinwies, bei welcher Gelegenheit sich im Rahmen des Gedichtes überhaupt eine Besprechung der jüdischen Auffassung des Verhältnisses des Menschen zu seinem Gotte als einem Vatergott des Erbarmens und der Liebe anknüpfen liess, eine Auffassung״ die den Begriff der ״ewigen Schuld“ und des Neides einer Gottheit und ihrer Entlohnung durch Opfer (wie bei Polykrates) völlig ausschloss. Oder es kann an ״das Eleusische Fest“ von Schiller (mit seiner Darstellung der Kultur־ entwicklung der Menschheit vom Höhlenbewohner bis zum Ackerbauer und Kulturmenschen) die Belehrung angeknüpft werden, wie die Kulturentwicklung bei den Griechen es nur bis zur Befriedigung des Erdenmenschen, des sinnlichen und geistigen Genusslebens gebracht hat, während ihnen noch jene geistig-sittliche Höhenentwicklung fehlte, die den Menschen ein geistig-ewiges Leben im Jenseits durch die Segnung der Religion erstreben lässt. Unvergesslich bleibt mir auch eine deutsche Stunde, der ich als Hospitant bei Herrn Dr. Goldschmidt, dem Direktor der Talmud-Tora-Realschule in Hamburg, beiwohnen durfte: Es wurde ״Die Glocke“ von Schiller gelesen, die Stelle vom Sämann, der seine Saat der Erde anvertraut in der Hoffnung auf künftigen Erntesegen. Dort fährt der Dichter fort: ״Noch köstlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schoss, Und hoffen, dass er aus den Särgen Erblühen soll zu sehönrem Los.“ Da konnte natürlich der erfahrene Pädagoge die Frage nach dem tieferen Sinn dieser . Stelle, nämlich die Hoffnung des Menschen auf Unsterblichkeit, nicht ungestreiffc lassen, und er tat dies mit wenigen geschickten Hinweisen auf den Unsterblichkeitsglauben des frommen Juden und auf den Analogiebeweis für diesen Glauben im Hinblick auf das Werden und Vergehen und Wi e d e r e r s t e h e n des Samenkorns in der befruchtenden Erde. Dass solche gelegentliche Hinweise auf den denkenden Schüler ihren Eindruck nicht verfehlen, sei ohne weiteres zugestanden. Aber ob diese gelegentliehe Hinweise ausreichen, das ist die Frage. Wie selten finden