Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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168 Ein jüdisches Lesebuch usw. . Ist es denn wirklich verpönt, jüdische Literaturwerke in edlem deutschen Sprachgewande einer jüdischen Jugend im deutschen Unterricht darzubieten? Haben Luther, Herder, Klopstock, Heine, Byron vergebens ihre Stimme erhoben für die unvergängliche Grösse jüdisch-hebräischer Geisteswerke, und dürfen die von diesen und andere Männern nachgebildeten hebrä״ ischen Melodien, Psalmen, Hymmen, Klagelieder nur in den Anthologien für allgemeine Literaturgeschichte ein kümmerliches Dasein für Spezialisten und Literaturforscher fristen, unsrer jüdischen Jugend aber kaum dem Namen nach bekannt werden? Fast scheint es. als hielte man eine Beschäftigung mit den Kunstwerken spezifisch-jüdischen Inhalts an einer jüdischen Anstalt für unvereinbar mit den hohen Idealen einer deutschen Schule, als ob eines dem andern notwendig Abbruch tun müsste! Ja, es werden sich manche Bedenkliche finden, die behaupten, dass ein jüdischer Lehrer, der die Kunstwerke unserer Klassiker unter dem Gesichts- Winkel jüdischerLebenswertung betrachtet, nicht der berufene Interpret sei, um an das profane Kunstwerk mit der erforderlichen Begeisterung und unbestochenen Vorurteilslosigkeit heranzugehen. Diese Bedenklichen fordern bei der Betrachtung eines Dichterwerkes für den Lehrer völlige Ausschaltung jedweder jüdisch-individuellen Sonderempfindung, Fernhalten jedweder subjektiven Einstellung auf moraliche Bewertung des Gelesenen. Ein solches leidenschaftsloses Verhalten dem Kunstwerk gegenüber ist einem Kunsthistoriker gegeben, nicht aber einem warmblütigen Jugendbildner. Man frage doch bei den Lehrern und Oberlehrern der Christ lieh en höheren Lehranstalten herum, wie wenige unter ihnen sind, die sich eines Werturteils im christlichen, nationalen oder ethisch humanen Sinne enthalten, denen eine solche vorurteilslose, unparteiische, rein ästhetische Behandlung des gelesenen Dichtungswerks gelingt. (Unsere Lesebücher sind alle ״christianisiert״, meinte gelegentlich ein Fachgenosse) 1). Es wäre 1). s. hierüber Heinemanns treffliche Studie (Aus dem Leben der Schule, IV. Aufsatz) im Jeschurun, Band VII, Heft 1/2, 8. 39.