Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein jüdisches Lesebuch usw. 167 breiten Raum beansprucht. Wir meinen dies nicht etwa so, dass an dieDurchnahme eines jeden weltlichen Gedichts deutscher Dichter sich gewaltsam oder mit taschenspielerischer Geschicklichkeit eine Erörterung und Parallelisierung jüdischer Fragen anknüpfe. Ein klassisches Werk soll niemalszum Tummelplatz geistreichelnder Willkür für den Lehrer werden. Es soll hier keinesfalls einer künstlichen Gesinnungszüchterei, irgendwelchem dogmatischen Konfessionalismus, irgendwelchen einseifigen Auslegekunstücken im deutschen Unterricht das Wort geredet werden! Nur behaupten wir, dass wenn, was keiner leugnet, der deutsche Unterricht imstande ist, bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung des nationalen Charakters, der n a t i 0 - nalen Gesinnung des Schülers * zu gewinnen, wenn er die Charakteranlagen des Schülers, wie Mut, Treue, Hingebung, Abenteuerlust, zur Entfaltung bringen kann, er auch ebenso geeignet und nutzbar gemacht werden kann, den religiösen und ethischen Charakter des Schülers zu bilden und zu festigen. Nach diesen einleitenden Bemerkungen schreiten wir zu der Hauptfrage: Sind die in unsren jüdischen höheren Lehranstalten (denn diese haben wir bei unsrer Erörterung hauptsächlich im Auge) eingeführten deutschen Leseb ü c h e r geeignet und danach angelegt, den Bedürfnissen einer jüdischen Erziehungs-und Charakterbildung dienlich oder förderlich zu sein? Haben diese nicht vielmehr ganz andre Ziele, vaterländische, ästhetische, human-ethische Ziele, keineswegs aber religiös-ethische Ideale fördernde im Auge? Sie wollen Begeisterung erwecken für alles Edle, Schöne, Heldische im Allgemein-Menschlichen, wollen das Humanitätsideal eines Goethe, Schiller als Letztes und Höchstes den Schülern vor Augen führen. Doch kaum ist irgendein Stoff geboten für eine Pflanzung und Keimung jüdischer Lebens- und Erziehungselemente. Nichts finden wir darin, was uns Juden als Juden am wichtigsten ist, nichts vom jüdischen Schrifttum, von jüdischer Seele und Denkart.