Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293019-2293022--06133-2299417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Ein jüdisches Lesebuch usw. dass der Schwerpunkt des Gesamtunterrichts im Deutschen zu suchen ist, so ist es umso verwunderlicher, ja unbegreiflich, dass unsres Wissens aufkeiner jüdischpädagogischen Lehrerkonferenz der letzten Zeit die bestimmte Forderung nach einem spezifisch-jüdischen Lesebuch erhoben worden ist. Es ist von manchen Seiten die kühne Behauptung gefallen, dass in einer jüdischen Schule jedes Fach, selbst die Mathematik und Physik, in einem gewissen Sinne zur Hebung des religiösen Gedankens im Schüler nutzbar gemacht werden kann und soll. Diese Behauptung in solcher Allgemeinheit ist gewiss nicht stichhaltig. Wohl könnte mit einigem Zwang und nicht ohne eine gewisse Absichtlichkeit und Künstlichkeit in jedem Unterricfcsfach die Gelegenheit herbeigeführt werden, die G e s i n u n g des Schülers ethisch, ebenso auch religiös zu beeinflussen. Ob aber ein solches Verfahren nicht einer V erfälschung des Unterrichtsziels gleichkommt, ob es auf der Höhe der Moral steht, die es fördern helfen soll, das bleibe dahingestellt. Eine Einflussnahme auf die Gesinnung lässt sich dagegen eher rechtfertigen in der Naturkunde, wo eine teleologische Naturbetrachtung ihre gute Berechtigung hat, ebenso in dem Geschichtsunterricht, wo sich Parallelen zwischen profanem und jüdischem Weltgeschehen oft von selbt aufdrängen. Am ehesten aber wird vom Unterricht im Deutschen, das sich doch wesentlich an das Gemüt und die Phantasie des Schülers wendet, eine Beeinflussung und Vertiefung der religiös-jüdischen Lebensanschauung zu erwarten sein. Der deutsche Unterricht wird nicht lediglich ästhetische, schöngeistig bildende Ziele verfolgen, sondern auch sittliche, auf die Ausbildung des sittlichen Charakters abzielende Elemente und Fragen bei der Behandlung des dichterischen Kunstwerkes anzuregen suchen. Es ist daher unvermeidlich und natürlich, dass in einer jüdischen Erziehungsanstait, im jüdischen Erziehungs werk beim deutschen Unterricht auch die Behandlung jüdischer Probleme, jüdischer Vergangenheits- und Gegenwartsfragen, mit Fug einen