Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Das Hohelied und Elend überwunden werden, in beiden wird sie aus fremder Umgebung wieder in die Heimat zurückgeführt. In beiden soll es die Lenzeszeit, die Zeit des Knospens und Blühens sein, soll erst voll die Sonne ihre Kraft entfalten und alle Schatten geschwunden sein, bis die Vereinigung erfolgen kann, in beiden sind daher zeitlich und örtlich hemmende Momente, wo die Seelen einander schon gehören, wo daher die Sehnsucht die Fäden hinüber- und herüberspinnt. Bei beiden bleibt es aber in ein Halbdunkel gehüllt, was denn die anfänglichen Trennungsleiden verursacht hat. Warum musste Sulamith als Vermummte in der Glut der Sonnenhitze Mägdendienste wie Gudrun tun? Das Lied selbst legt ihr die Worte in den Mund 16: ״Meiner Mutter Söhne waren in Erregung über mich, sie machten mich zur Hüterin der Weinberge, meinen Weinberg, meinen eigenen, habe ich nicht gehütet (oder konnte ich nicht hüten)״. Was war dieser Streit der Geschwister? Warum die Brüder in Erregung? Man könnte glauben, dass Sulamith lässig in der Pflege ihres Weinberges gewesen und zur Strafe jetzt Fremden übergeben wird als Weinbergshüterin. Eine Aufklärung soll uns offenbar am Schlüsse des Buches noch zuteil werden in einigen Versen der Nachschrift, die seit jeher eine crux interpretum, ein schweres Problem der Erklärung darboten. Kap. VIII Vers 8 —10, werden die ״Brüder״ redend eingeführt, sie sprechen ihre Zukunftssorge um eine minderjährige Schwester aus und beteuern, dass sie strenge Hüter ihrer Keuschheit sein wollen. Das ist offenbar also die ״Erregung״ der Brüder, die ihre Erniedrigung zur Folge hatte. Mit dem Bekenntnis ״ich bin mauerstark״ aber zeigt Sulamith, dass sie jetzt gegen alle Versuchungen gefeit ist und daher die Beglückerin ihres Erwählten sein kann. An die Worte •כרמי שליי לא נטרתי knüpfen alsdann die Verse VIII11—12 an. Damals konnte sie ihren Weinberg nicht hüten; jetzt ist es anders. Wenn Salomo seinen Weinberghütern vom Gewinn 1000 Silberschekel abgeben und 200 Schekel Hüterlohn zahlen muss, um der Gewissenhaftigkeit seiner Diener sicher zu sein, so ist sie jetzt der Hut ihres Weinbergs voll ergeben