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Jeschurun · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März 1923) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März 1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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106 Das Hohelied Zartheit? Oder ist das alles nur ein böser Traum, den Sulamith erlebt, eine Schlafende mit wachem Herzen? ein Traum, von dem sie erwacht, wie wir dereinst am Ende der Golusnacht ״sein werden wie Träumende“? Gewiss ist, der Gatte bitt&t Einlass zu nächtlicher Stunde. Ich sage: der Gatte; denn in der nachfolgenden Schilderung VI 7 heisst es von ihr wiederum מנעד לצמתך, unter der Haarverhüilung; sie ist also Gattin. Hoch warum öffnet sie nicht? Gesteht sie doch V 6: נפשי יצאה בדברו, dass bei seinen Worten schon — und ausser der Bitte: öffne mir, spricht er nichts — ihre Seele über wallte? Die Begründung gibt der Vers V 3: פשטתי את כתנוד וגו׳. In seiner gewöhnlichen Uebersetzung: ״Ich hatte meines Gewandes mich entkleidet, wie nur soll ich’s wieder anziehen? Ich hatte die Füsse mir gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?“ erscheint er mir sinnlos. Wenn der Anfang ״wie soll ich es anziehen“? noch als ein Ausdruck der Verwirrung und Ueberstürzung gelten mag, so ist der Schluss: wie soll ich die Füsse beschmutzen? einfach unverständlich, lieblos. Auch die verstärkte Form: איננה ״wie in aller Welt ist es möglich“ erscheint übertrieben und unpassend. Und warum ist der Geliebte denn verschwunden, als sie sich doch aufrafft? Warum alsdann die leidensvolle Irrfahrt in der Suche nach ihm? Alles scheint doch sehr wenig motiviert. » Ich fasse daher den Vers פשטתי in den Spuren des Midrasch Rabba zur Stelle anders: Sulamith trug ihr eheliches Gew׳and nicht mehr, sie hatte das alte Gewand, das längst abgelegte, aus der Zeit der Vorehe wieder angetan, und erschrickt jetzt vor sich selbst: wie hab’ ich es nur antun können? (אלבשנה als ein Koni, gefasst); sie hatte nach den Wanderjahren, die ihre Jungfrauuzeit ihr auferlegt hatte, die Füsse vom Staub der Wege gewaschen, um im Hause zu verbleiben, und erschrickt jetzt vor sich selbst, ״wie bab’ ich sie nur beschmutzen können?״, dass sie die Füsse wieder verunreinigt habe, bei unberechtigtem Fortgehen. Die Worte des Geliebten, der wohl Ahnungen hatte, erwecken sie aus ihrer Irrung; als er nicht sogleich Einlass

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