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Jeschurun · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März 1923) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März 1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Das Hohelied 105 So 'übersetzt Brod in Anlehnung an seine Vorgänger. Sogar wenn diese Verdolmetschung richtig wäre, bewiese sie nichts; es ist allein schon undenkbar, der Dichter würde den Haremskönig und Mädchenräuber einen Edlen nennen. In Wirklichkeit aber schwebt diese ganze Versdeutung in der Luft. שים heisst schlechterdings nicht hinführen, und am Schluss sind die Worte עמי נדיב durch eine Konjunktur ersetzt. Also wieder der entscheidende Vers, der Eckstein des ganzen Gebäudes ist selbst brüchig. Wie sollten wir solcher nebelhaften Deutungskunst uns an vertrauen können? Welches ist die wortgetreue Uebersetzung dieses Verses? Ich weiss nicht, meine Seele hat mich zum Wagen eines edlen Volkes (oder des Volks eines Edlen) gemacht. Wir stehen also vor einem Vers, der selbst erst der Aufklärung durch den Zusammenhang bedarf, dessen Worte in tausend Möglichkeiten schillern und daher völlig ungeeignet zum tragenden Pfeiler einer Konstruktion ist. Das Klare aus dem Dunkeln, das Eindeutige aus dem Unbestimmten erfassen zu wollen, ist die Verkehrung jeder gesunden, überzeugenden Hermeneutik. Gewiss ist, dass das Lied von V 2 an von einer erneuten Trennung der Liebenden spricht, von einem leidenschaftlich sehnsüchtigen Suchen der Sulamith und dass Alles einem Höhepunkt entgegenstrebt, von unsäglicher Kraft und Erhabenheit, dem Augenblick der Wiedervereinigung, wo die Gefahr neuen Verlustes, neuer Trennung der schmerz- und leidensgeprüften Braut das inbrünstige Flehen eingiebt: ״lege mich wie ein Siegel auf Dein Herz, wie ein Siegel auf Deine Hand, denn gewaltig wie der Tod ist die Liebe, schrecklich wie Höllenfeuer der Liebe Not und Pein״ m. a. W.: Mache unsere Vereinigung unauflöslich; neue Scheidung wäre Tod und Höllenqual. Was hat die Trennung bewirkt? Wieso muss der Geliebte in nächtlicher Stunde anpochen, die Locken durchnässt vom Tau der Nacht? Darüber schweigt das Lied. Aus Schonung, aus

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