Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hohelied 101 Wetzstein1) bei einer Reise nach Syrien den Brauch, Braut und Bräutigam in der Hochzeitswoche durch Preisgesänge zu feiern. Aus der oft bestätigten Erfahrung, dass das Morgenland Sitte und Brauch jahrhundertelang unverändert belassen hat, schloss man also, dass solche Hochzeitslieder schon in uralten Zeiten gesungen sein mögen. Seitdem hat die zünftige Theologie sich fast durchweg auf den Boden der Annahme gestellt, dass wir im hohen Lied eine Sammlung von Hochzeitsgesängen aus alten Tagen aufbewahrt vor uns hätten. Und da der Bräutigam am Hochzeitstage ein König ist, so sei im Liede dem Gefeierten der Name Salomos als eines grossen jüdischen Königs beigelegt worden. Mit dieser These an und für sich — man mag sie an״ nehmen oder nicht — ist aber noch wenig geholfen. Sie erleichtert es, die literarische Form des Buches als eines Lieder״ kranzes, seine lose Anordnung, sein unvermitteltes Gefüge zu verstehen. Den Kompositionsstil erschliesst sie, nicht mehr; so wenig Sinn und Wesen eines Gebäudes begriffen ist, wenn man die Bautechnik und architektonischen Formen einer Epoche kennt, oder sowenig Goethes Götz schon erklärt ist, wenn auch der leichte Szenenwechsel der Shakespearebühne bekannt ist. Nicht einmal jene Frage erfahrt dadurch ihre Lösung, ob hier nun typische, allen Hochzeiten gemeinsame Lieder, ohne eine innere Entwicklung und Steigerung gegeben sein; oder ob der Dichter sich der Form dieser Liedersammlung bedient, um in ihr die besondere Geschichte eines bestimmten Liebespaares darzustellen. Die Styl- und Coloriteinheitlichkeit des Ganzen, die Durchführung der Personen, besonders Salomos und des Frauenchores, endlich die Gegenüberstellung: Salomo- Sulamith, die schon dem Namen nach nur zu einander gehören können, andererseits aber die *) Bastians Zeitschrift f. Ethnologie 1873 S. 270—302. Vgl. Budde. Was ist das Hohelied? Preuss. Jahrbücher 1894, S. 92—117, wo übrigens nur geschickt einige Verse behandelt, aber auf die vielen Schwierigkeiten nicht eingegangen wird.