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Jeschurun · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März 1923) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März 1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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100 Das Hohelied Neuer Deutungsversuch. Di© Frage nach dem wahren Sinne des Liedes ist aber durch die Neubearbeitung Brods wieder akut geworden. Dieses Verdienst gebührt ihm unstreitig und das noch viel grössere: die Ehrfurcht und die Bewunderung für das Buch werden an Brods herrlichen Worten sich neu entzünden, ebenso wie er die flache verständnislose Behandlung der biblischen Poesie durch die Theologie der Universitäten mit unnachahmlicher Schärfe gegeisselt hat. Worte erfrischender Aufrichtigkeit hat er ge״ funden, die uns ganz aus dem Herzen geschrieben sind. Aber wenn seine Umdichtung nicht als richtig gelten soll, wenn jener Konflikt zwischen natürlicher Liebe und der lüsternen Sinnlichkeit eines orientalischen Sultans nur hinein geheimnist ist, wenn die Vergewaltigung des Textes den erwünschten Aufschluss über das Problem seines Sinnes nicht erzwingen konnte, dann dürfte es vielleicht doppelt* berechtigt erscheinen, in rechter Selbstbescheidung zur massoretischen Ueberlieferung des Textes zurückzukehren und sie zur Grundlage einer neuen״ alten Deutung zu machen. Schir Haschirim ist nicht ein Lied, sondern nach aller Ansicht ist es, — um einen Ausdruck des Midr. Rabba dabei zu verwenden — ״ein Lied, aus Liedern״ zusammengesetzt. Es werden diese Lieder von verschiedenen Personen gesungen, bald singt ein Mann, bald ein Weib, bald eine Vielheit von Frauen oder von Männern, ein ״Chor der Frauen von Jeruscholajim״ und die Brüder der Heldin. Bilden diese Lieder ein fortlaufendes, inneres Ganze oder sind es es lose aneinandergereihte Einzellieder, ״die nicht mehr miteinander Zusammenhängen, als eine Reihe schöner Perlen, auf eine Schnur gefasset“ (Herder) nur dadurch verbunden, dass ein Thema darin variiert wird — die Liebe? Diese Frage ist Grund- und Entscheidungsfrage aller Exegeten, die Vorfrage für jeden Erklärungsversuch. Allen früheren Jahrhunderten war die Einheitlichkeit des Ganzen ausser allem Zweifel. Da fand im Jahre 1875

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