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Jeschurun · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März 1923) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März 1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Das Hohelied 99 selbst, über die Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit des Textes hinweg getäuscht: durch Kapitelüberschriften. Diese sind nicht etwa aus dem Inhalte gewonnen, aber sie stellen den Sinn des Lesers in eine bestimmte Richtung ein und lassen dann die Worte des Liedes in entsprechender Färbung erscheinen. Aber wer versucht, unter Weglassung dieser Wegweiser ohne jede Bevormundung aus den Versen allein die Aufschrift, als Zusammenfassung des Sinnes, neu zu entdecken, der wird gewiss selbst nach ’den vorgenommenen Umstellungen und Veränderungen des Textes und allen Freiheiten der Uebersetzung so ratlos als wie zuvor den Unklarheiten und den Geheimnissen des Ganzen gegenüberstehen. Da ist beispielsweise der zweite Teil mit den Worten ״der Raub״ überschrieben: Der zugestutzte Teil lautet dazu: ״Zum Nussgarten stieg ich hinab . . . Unversehens hat meine Seele zum Wagen eines Edlen mich geführt und zu seinen Leuten. Was ist’s was heraufkommt aus der Wüste? ... Es ist Salomos Sänfte . . . Wer ist’s, die dort heraufkommt aus der Wüste, gestützt auf ihren Geliebten? Dreh dich, dreh dich Sulamith. . .״ Schon ist ״der Raub״ vollzogen. Im Text vermissen wir jeden entscheidenden Hinweis auf diesen wichtigsten Gedanken des Ganzen. Oder die Schlusspartie heisst: ״die Flucht״. Aber Verse wie: ״ich will aufstehen und die Stadt durchstreifen . . ., ich will suchen, den meine Seele liebt״ enthalten keine Spur von Fluchtgedanken, keine Andeutung eines Entrinnens aus den Mauern des ״königlichen Harems״. So wird man über den Brodschen Deutungsversuch dasselbe Urteil fällen, das Ewald1) und seine Nachfolger mit dem gleichen Experimente erhielten: עמך חסר מן הספר : die Hauptsache, die entscheidenden Wendungen fehlen im Buche; und wenn der Dichter Brod auch zu streichen vermochte, hinzudichten lässt sich leider nichts. J) 1826 in seinem Kommentar zum Hohenliede. Weitere Litteratur bei Budde Einl. p. XIII f. und Stade Ein!, zum Hohenl. S. 81 (Handkommt, von Nowak).

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