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Jeschurun · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März 1923) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März 1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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98 Das Hohelied Bröds1) Umdichtung. In jüngster Zeit hat ein Dichter dem Liede sich zugewandt und Sulamith hat ״sein Herz gewonnen schon mit einem ihrer Augen, mit einer Perle ihres Halsgeschmeides״. Er fühlte, dass hier das grosse ״Diesseitswunder״ des Judentums seinen letzten Ausdruck gefunden, und er versuchte sich die rätselhafte Runenschrift des Buches zu entziffern. Aber der spröde Stoff will seinen Schleier nicht enthüllen. Da muss eine seltsame Voraussetzung der Phantasie des Poeten die Brücke bauen: das Lied sei in falscher Komposition überliefert. Der Verfasser selbst oder der Redaktor, um das Mysterium zu wahren, habe die Verse bunt durcheinander gewirbelt, wie eine altdeutsche Runenleserin die Buchenstäbe ihres Zauberspruches durcheinander wirrt bis zur Unkenntlichkeit; hat auch wohl zwei Verse zusammengeklebt, die nicht eine Einheit bilden, auch einzelnes mehrfach wiederholt, damit das Wirrnis noch grösser werde; hat dann das ganze Werk ״auf einen Ton zu stimmen״ versucht/ um dadurch den Kern und Angelpunkt der ganzen Handlung zu ״verwischen״, nämlich den Konflikt zwischen echter und falscher Liebe. Unserem Liede ging es unter des Dichters Hand wie der irrenden Sulamith bei den Wächtern der Mauer; er zerschlägt es, verwundet es, um seinen Schleier herunterzureissen. So grotesk nun angesichts der Treue unserer Ueberlieferung und der demütigen Ehrfurcht unserer Alten gegenüber dem Wort der Schrift diese ganze Hypothese anmutet, — Brod selbst weise sonst begeistert von der Zuverlässigkeit der Texte zu sprechen — hat der Erfolg gelohnt? Ist es dem Dichter gelungen, einigermaßsen überzeugend die Partien in das Prokrustesbett seiner Theorie einzupassen? Ich persönlich muss erklären: wenn ich auch völlig vergasse, was in den Versen wirklich steht, wenn ich von aller Tradition absehe und ganz unbefangen die Umdichtung Brods lese, so würde ich darauf mit Nein antworten. Durch ein suggestives Mittel werden wir, vielleicht der Poet *) Judentum; Christentum und Heidentum 2. Teil.

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