Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 Israel Zangwill als Dramatiker unser Kampf, nostra res agitur. Die dreifache Frage: Hat die Religion noch heute zeitvirksamen Wert für die Allgemeinheit oder ist sie ein Petrefact, ein für das tätige Leben inhaltleer gewordenes Gefäss; ferner: wie kann innere Gewissensnot so übermächtige Gewalt über den Menschen ge״ winnen, dass er Stellung, Familie, Lebensglück, alles in die Schanze schlägt; endlich das aktuelle, jeden modernen Menschen angehende Problem: Ist eine monistische Kirchenform praktisch denkbar und für eine Allgemeinheit durchführbar? Diese letztere Frage ist hier in glänzend geistfesselnder Form gelöst und Ton Zangwill ad absurdum geführt. Das Drama unseres Autors beweist überzeugender als viele theologische Erbauungsschriften es vermögen, die Absurdität einer Glaubensform ohne die Voraussetzung einer geheimnisvollen, absolut führenden Gottheit, ohne den Trost der Unsterblichkeitsidee, es widerlegt mit dramatisch suggestiver Kraft den Wahnglauben vieler unserer Wissenschaftler monistisch-materialistischer Richtung (und wie wenige unserer sogenannten ״exakten“ Wissenschaftler sind nicht dieses Glaubens!), die sich gebärden, als könnte die Naturwissenschaft die letzten Fragen des Seins restlos mathematisch lösen und zum Allheilmittel für alle Nöte unsres Lebens dienen (soll doch Siemens in einer Rede gesagt haben: Ich halte es für möglich, dass die Wissenschaft die Hungersnot abschafft, weil alles gemacht werden kann)*), denen nur noch ein kleines Glied in der Kette ihrer Berechnungen fehlt: Die Schaffung des Protoplasmas! Hier im Drama werden die Grenzen menschlichen Könnens und Wissens aufgedeckt, es wird gezeigt, wie armselig trostlos der Mann, der sich der reinen Wissenschaft verschrieben hat, dasteht, wenn er eine schmerzgebeugte Mutter aufrichten soll, die Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnisse und Forschungsarbeit als Trostmittel für die tiefsten Nöte des Lebens wird hier gleichsam experimentell vor Augen geführt. Man darf getrost Zangwills Werk als einen Triumph *) Zitiert in einem Briefe von Theodor Fontane, abgedruckt zum X, Male in der Weltbühne, 23. November 1922.