Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Israel Zangwill als Dramatiker 83 wir dem Stachel des Todes sein Gift nehmen, ohne in die etwas triviale, anthropomorphe Vorstellung der individuellen Unsterblichkeit, als ein Abbild, wenn auch ein idealisiertes, der irdischen Welt mit allen ihren Unzulänglichkeiten und Menschlichkeiten zu verfallen? Zangwill versucht als praktischer Engländer diese Frage mit einem dramatischen Experiment, in einer Reihenfolge packender Lebensbilder zu beantworten. Er zeigt einen Geistlichen, der alle alten Religionsformen über Bord wirft und sich eine neue künstlich zurechtkonstruiert, aber schon bei der ersten praktischen Probe auf die Haltbarkeit seiner neuen, naturwissenschaftlichen Religionstheorie, sozusagen am eignen Leibe, ihre Untauglichkeit erfährt. Stephen Trame kann seine eigene Frau in ihrem Schmerz über den Tod ihres Sohnes nicht trösten, und sie ist die erste, die ihn verleugnet. Nun erhebt sich der Zweifel: Ist eine solche rein b e - griff liehe Frage, ob dies oder jenes System zum menschliehen Glücke führt, dramatisch verwendbar? Sind solche Kontroversen nicht zu theologisch-apologi3ierend für ein Bühnenwerk? Dieser Zweifel erledigt sich leicht durch den Hinweis auf Lessing, Goethe, Ibsen, Björnson, die auch theologische Streitfragen dramatisch wirksam behandelten, sofern durch die theologische Frage ein einzelner psychologischer, menschlich-packender Fall, ein Einzelschicksal im tragischen Konflikt dargestellt und entscheidend beeinflusst wird. So ist auch hier das tragische Geschick die Hauptsache, die Theologie Nebensache. Die dramatische, von Akt zu Akt sich steigernde Spannung der Geschehnisse, die ergreifende Gestalt des mit sich selbst und seiner Umgebung ringenden Helden, sein faustisches Aufbäumen gegen ein übermächtiges Schicksal, der Zusammenbruch seines ganzen Räsonnements vor der einfachen Herzenslogik seines Weibes — diese Momente verfehlen ihre erschütternde Wirkung auf uns nicht. Wir können uns der Ueberzeugungskraft dieser Menschentragödie nicht entziehen, das Problematische packt jeden gläubigen Menschen, diese Menschen lassen uns nicht los, wir fühlen, ihr Kampf ist letzten Endes