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Jeschurun · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1923) · page 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 66)
Language
German
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64 Die Aussprachegruppen usw. c) Riten und Eigenheiten. Als kulturellen Beweis für die Richtigkeit der im Bisherigen versuchten inneren Gruppierung der aschkenasischen Aussprachen- Zweige dürften wir wohl die Charakterbilder der Juden dieser Gruppen betrachten. Römische ״Constantia״ dürfen wir in den Heroen deutschjüdischer Vergangenheit veredelt und vererbt sehen, in ihren Geisteskämpfen, zu Zeiten des grossen Ascheri und des Ben Adereth, gegen pseudowissenschaftliche Abtrünnigkeit und in ihrem schliesslichen Martyrium; — in ihrer Ansiedlnng im kulturlosen, wilden Litauen und ihrem dort später erzeugten Zentrum reinster Geistesarbeit; — im für unerbittlich hart logisch bekannten Denken, der eisernen Konsequenz des Litauers wie — des Deutschen. Griechische Seelenkultur dagegen dürfen wir wohl wiedererkennen, in jüdisch verinnerlichter Form, im Jenseitsblicke des ungarischen und polnischen Juden. Es entspricht durchaus dem gemeinsamen Charakter der ungarischen und polnischen Juden, dass sie dem scheinbar ans Gemüt appellierenden Chassidismus zufielen, Polen seit 200, Ungarn seit 50 Jahren. In Ungarn ist der Chassidismus in seiner Ausbreitung eigentlich nur örtlich und zeitlich durch die Autorität des R. Mosche Sofer aufgehalten worden. Wir können darin ein Nachklingen jener Gemütsmacht erblicken, welche in Altbyzanz den jüdischen Mitwisser des kirchlichen, Bilderstreits zu seinem freuderfülltem, erhabenen Liede ויאתיו begeistert hat und in jeder edlen Bestrebung der Umwelt, — so neuestens im Sozialismus, die Seele der Väterlehre gespiegelt wähnt. Gemeinsames Merkmal aller aschkenasischen Riten ist das Vorkommen von Aenderungen im Gebete als Folge regierungsseitiger Einmischung ins Religionsleben. Denn nur die geistig hochstehenden Oströmer waren imstande, wie es vorgekommen ist, den hebräischen Gottesdienst irgendwie zu beobachten. An Fanatismus hierzu fehlte es wohl auch den Weströmern nicht, wohl aber an Bildung. Zu diesen Gebeten gehört ברוך ה׳ לעולם als zeitweiliger Ersatz für regierungsseitig verbotenes Abendgebet, נקדש את שמך als Ersatz für נתר, und Aehnliches. Die aschkenasischen Tonzeichen entsprechen ganz denen der Byzantiner.

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