Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden und ein Weinen und Schluchzen anhob. wie es sicher auch zur Zeit Jeremias gewesen, der doch, wenn er von den Wasserbächen, die seinen Augen entströmten und dem Erglühen seines Inneren sprach, nicht bloss fabuliert hat. Und nun will ich Ihnen, verehrter Freund, ein Geständnis machen. Nicht einen literarischen Beitrag zu geben, war meine Absicht, als ich die Skizze im Jeschurun aufoahm, nicht ihr künstlerischer Wert leitete mich. Es sollte eine Mussarpredigt sein. Man muss doch den Versuch machen, die Indolenz unserer Judenheit durch verschiedene Mittel zu Überwindern Meine Auf- Sätze: ״Das jüdische Gewissen“, ״Die Sephirazeit und die Ukraine“ hatten immerhin die deutsche gesetzestreue Judenheit ein klein wenig aufgerüttelt. Die Schilderung eines Einzelschicksals würde, so hoffte ich, noch eine grössere Wirkung erzielen. Zahlen stumpfen ab, grausige Schilderungen allgemeiner Natur dringen nicht in die Tiefe. Und noch ein Geständnis: Um die Wirkung zu erhöhen, habe ich in der Ueberschrift auch zwei Worte des Autors ge־ strichen. Dieser nennt die Skizze: eine Groteske. Ich wollte: der Leser solle diese Darstellung als Wirklichkeit nehmen. Zweifelt jemand daran, dass sich in der Ukraine viel, viel fürchterlichere Dinge zugetragen? Meine Erwartung hat offenbar getrogen. Soweit aus Einzelurteilen, wenn auch einer grösseren Anzahl, zu schliessen ist, war die Wirkung auf die westjüuischen Leser und die aus dem Osten oder in deren Adern ostjüdisches Blut tllesst, eine streng verschiedene. Hier: Urteile wie Geschmacklosigkeit, ekelerregend, unerhört! Dort: eine Ergriffenheit bis ins Innerste, Dank für das rechte Wort zur rechten Zeit, Der Jeschurun, lieber Freund, wird m. G. II. auch wreiter seinen Weg gehen, den Weg der Unabhängigkeit. Haben Sie und die Anderen, die mir sachlich geschrieben, Dank dafür, dass Sie mir Gelegenheit gegeben, das für die Vertiefung und Veredlung unseres jüdischen Empfindens Wichtige zu sagen. J. W.