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Jeschurun · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1923) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden 7 der Stadt, ich höre Doch jetzt meine Mutter schluchzen, wenn sie, von der Erinnerung überwältigt, schilderte, was in ihrer Seele vorging, da von den Soldaten der Ruf erschallte: Marsch, marsch! Ich sehe ein Dorf in der Nacht von der Soldateska umstellt, die Schergen in das Haus dringend und aus der Mutter Armen ihr Einziges reissend, ihren Schatz und Trost, ihre Hoffnung, ihren Kaddisch, ihr K l n d! Einern Schicksal entgegen, das schlimmer als der martervollste Tod. So haben m e i n Vater und meine Mutter mich geldhrt-, bei den Kinnoth zu empfinden Verstehen Sie jetzt, lieber Freund, weshalb all die Ausrufe der Entrüstung über die Veröffentlichung jener Erzählung, von denen Sie mir berichteten, mich so unberührt lassen? Denn das ist der letzte Grund dieser Auflehnung: Die zarten Nerven, die übrigens gegen die Auswüchse moderner Literatur garnicht so empfindlich sind, wollen nicht durch diese Dinge erregt werden. Nach dem Muster jenes Kommerzienrats ans der Anekdote, der als ein Bedüiftiger gar zu herzbrechend seine Notlage schilderte, dem Hausknecht zurief: ״Johann, wirf ihn hinaus, er bricht mir das Herz.*‘ Doch ich klage nicht an, ich steile nur fest. Woher soll eine Generation, aus Geschlechtern erwachsen, die seit Jahrhunderten eigentlich nicht allzuschweres erfahren haben, diese Kraft des Mitempfindens schöpfen? Woher, wenn sie wohlbehütet aufgewachsen, im Durchschnitt ohne nagende Sorgen, ohDe das zermalmende Schicksal, wie es im Osten so oft an unsere Brüder herangetreten? Die eisige Atmosphäre, die allmählich alles durchdringt, lässt ja auch das Empfinden derer, die anderes gewöhnt sind, immer mehr erkalten. Bleibt man so völlig vereinzelt, dann erscheint einem von selbst der warme Ausdruck des Empfindens als gemacht, man möchte nicht abstechen. Seit langen, langen Jahren habe ich selbst erst wieder einen rechten תיטעה באב erlebt, als der WilkomirerRaw in unsere Seminarsynagoge geriet und sich an die wohlabgemessenen Einzel vertrage nicht kehrte und mein verehrter Kollege הרב ח א״א קפלן durch die heimatliehen Klänge elektrisiert wurde und einzelne litauische Bachurim einstimmten und die ganze Wohlanständigkeit in die Brüche ging

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