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Jeschurun · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1923) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6 Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden Hinweis auf mein eigenes Erleben gestattet. Auch auf mich können die Daten aus der Leidensgeschichte unseres Volkes nicht den unmittelbaren Eindruck machen. Die Entfernung in Raum und Zeit, der Gedanke, dass doch seitdem viele Jahrhunderte, oft Jahrtausende dahingegangen und von den Helden jener Zeit auch die letzte Spur verweht ist, lässt eine eigentliche Erschütterung, ein Erbeben bis in’s Innerste nicht aufkommen. Anders zu Zeiten, da die Verfolgungen in besonderem Ausmass sich häufen. Ich erinnere mich wohl, mit welcher Gewalt die Kinnoth und Selichoth auf mich gewirkt, als unmittelbar nach den furchtbaren Pogromen von Hornel und Siedice eine Stadt wie Warschau viele Tage von der Gefahr bedroht war. Ich malte mir aus, was wohl in den Seelen jener dreihunderttausend Juden sieb abspielte, die diese Tage verbrachten mit dem Gedanken, wem von ihnen, wem von ihren Kindern der qualvolle Tod zu teil werden würde, wie die Säuglinge an Leib und Seele gezeichnet sein, die jetzt im Mutterleib ihrem irdischen Sein entgegenwuchsen, wieviel für immer Unglückliche, viel schlimmer als dem Tode Verfallene, das Licht der Welt erblicken würden. Und unseres ganzen Volkes Jammer fasste mich und die Klagelieder und Bussgebete hatten ihren Inhalt. Aber noch mehr schreibe ich den Keimen zu, die in meine früheste Kindheit in mich gelegt wurden, da meine Mutter עליה השלום mir — eine jüdische Mutter erzählt nicht Märchen, sie erzählt von der Helden- und Leidensgeschichte unseres Volkes — da sie mir von den Nikoiaiern erzählte, wie sie als kleines Kind mit ihrer Mutter hinausging, in der Hand Speise und Trank, um die jüdischen Kinderherden zu speisen. Ja, es waren hunderte von kleinen Kindern, die wie Herden von Schafen durch die Stadt getrieben wurden, um auf des Tyrannen Nikolaus Gebeiss tief in das Innere Russlands bis hinter den Ural geführt zu werden, um bei den russischen Muschiks, mit den Schweinen in ihren Koben hausend, die Segnungen der russischen Kultur zu erfassen. Ich hörte von dem Martyrium dieser Kleinen, von denen manche schon den Cheder besucht und allen Peitschenschlagen ihrer Dränger das Einbeitsbekenntnis entgegenhielten. Ich hörte das tausendfältige Weinen der jüdischen Bevölkerung

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