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Jeschurun · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1923) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden 5 hinwegschwemmt und die Versammelten mit elementarer Kraft in die Vergangenheit versetzt, dass sie all das Furchtbare miterleben? Weil das Stoffliche des Geschilderten sich unmerklich verknüpft mit dem, was die Hörer und Leser in ihrer nahen oder fernen Verwandtschaft selbst erfahren, weil die Mutter eines ihrer Urahnen, da sie den Sohn unter dem Herzen trug, mit ihren eigenen Augen sah, was das Blut in den Adern zum Erstarren bringt, weil die Seele des Nachkommen in ihren tiefsten Urgründen geknüpft ist an die Seelen der gemarterten Ahnen und durch eine Art Anamnesis, ein Wiedererinnern des Fühlens für eine kürze Zeit wieder Augenzeuge wird des Furchtbaren. Und doch ist es nicht ein Miterlehen in der Wirklichkeit. So löst sich der Schmerz, der im Angesicht des Ensetzlichen den Augenzeugen lähmt oder in den Wahnsinn treibt, in Tränen der Rührung und des Mitleids. Und diese Linderung schafft Raum für die Erfassung der Idee für die Anteilnahme an dem tieferen Sinn des für den ersten Anblick unfassbaren Geschehens. Noch stärker naturgemäss diese Aus״ Wirkung, wenn die Fäden zwischen des Hörers Seele und den Seelen derer, die das Schreckliche erfahren, in der unmittelbaren Vergangenheit oder gar in der Gegenwart sich verschlingen. So sind es nicht die geschilderten Ereignisse selbst, die die Erschütterung hervorbringen. Sie sind bloss der äussere Anstoss für Vorgänge, die uns selbst unbewusst, sich in unserem Innern vollziehen und an denen persönliches Erleben aus unserer oder unseres Geschlechtes Vergangenheit einen grossen Anteil hat. Ein Beispiel: Dass die Mütter ihre eigenen Kinder essen, diese jedes Analogons in der Erfahrung entbehrende Wort der Bibel muss allmählich verblassen, es sagt uns zu wenig; anders wrenn mir mein Sohn aus Telschi berichtet, dass sein Freund aus der Ukraine die Mitteilung erhalten, man habe die Leiche seines Oheims aufgefunden, halb verzehrt von Hungernden. Die Wirkung, das Wiedererwachen einer leidenschaftlichen Anteilnahme wächst, sich steigernd von mir, meinem Sohn, dem Neffen des Verzehrten. Und da psychologische Erörterungen immer noch am erfolgreichsten an die Selbstbeobachtung anknüpfen, so - sei der

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