Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden Gotte des Judentums. Und wie darf das Geschick des Judentums anders aufgefasst werden, als dass dies auf seinem Wege nur durch das Zeugnis, das es durch seine Opfer ablegt, die Zeit herauffühlt, da der Name Gottes auch einer sein wird im Munde der anderen Völker. So vollzieht sich an uns, die wir in diesem kleinen Ausschnitt Zeugen werden der Tragödie des jüdischen Volkes, jene Katharsis, die Aristoteles in seiner berühmten Definition fordert. Natürlich nicht im eigentlichen Sinne, denn es fehlt in der Skizze die Aufzeigung der Schuld des tragischen Helden. Aber doch in dem weiteren Sinne, dass wir von Furcht und Schrecken gereinigt, diese Gefühle in eine höhere Sphäre gehoben werden, ־weil uns der Sinn des jüdischen Todesweges aufgegangen, durch eine Schreckensnacht zum strahlenden Lichte schreiten durch die Erwählung zum ausserordentlichen Volke auch ein ungewöhnliches von keinem Volke getragenes Geschick auf uns nehmen zu müssen. Doch es gibt vielleicht eine Grenze dessen, was wir in ^unserem Mitempfinden uns zu eigen machen können ohne von dem Stofflichen so überwältigt zu werden, dass die Idee nicht mehr auf uns zu wirken vermag. Und diese Grenze ist, so könnte man sagen, hier überschritten. Furcht und Schrecken können durch das Mitleid gereinigt werden, nicht aber Entsetzen und Grauen. Steinschneider macht in seinen Abhandlungen ״zur Bibel und Religionspbilosophie“ gelegentlich einer kritischen Erörterung über ״die Klagelieder“; die feine Bemerkung: Wo gibt es ein Volk, das seinem eigenen Untergang ein Denkmal in Liedern gesetzt. Es gibt eben einen Schmerz, wo des Sängers Lied verstummt. Und wir können nicht leugnen, dass, wenn wir nur an das ästhetisch betonte Gefühl appellieren ein Kapitel * aus Jesajah uns mehr ergreift als die Klagelieder Jeremias’ oder die furchtbaren Strafandrohungen im Pentateuch mit ihren grauenerregenden Dttails. Woran liegt es wohl, dass diese — ästhetisch betrachtet — entsetzlichen Darstellungen dennoch von ewiger Wirkung sind, dass im Osten, wenn jene uralten Klagen verlesen werden, die tiefste Erschütterung sich aller Gemüter bemächtigt und ein Schluchzen durch die Gemeinde geht, das alles Gemeine, am Tag-esinteresse klebende, Persönlich-Egoistische