Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden 3 Erde, im Grabe, und sie zieht durch die starre Materie hinaus, schwingt eich empor zu den himmlischen Höhen. — Dort ist meine Mutter — Sie wartet aut* mich — auf die Seele ihres Sohnes. Sie empfängt mich voller Wehmut und Erbarmen, küsst mich mit heissem Kusse, wie lindert doch •ein solch mütterlicher Kuss unter Tränen den Schmerz, ich schlafe ein auf ihren Knieen . . . Erwacht, seh ich mich an ihre Brust gelehnt, umarme sie, wie warm fühlt sie sich, welch Leben strömt aus dem Erbarmen dieser Liebe. Ich schütte mein Herz vor ihr aus: Sie schlugen und sie quälten mich, begruben mich lebendig. Ich drücke sie fest und lege mein Haupt an ihre Brust. Ich schlafe, träume: Meine beiden toten Freunde sind zum Leben auferstanden — und lächeln: ״Furchtbar war’s! Und dennoch leben wir_sie haben’s nicht geschaßt.4‘ Lachen uad jauchzen und tummeln sich wie Kinder, wie Engel_Licht, Glück. Es tönt ein Lied — din, din, din- Bleibt das ״Geschmacklose der Darstellung des Grausigen״. Die Beurteiler scheinen hier keinen rechten Begriff von der ästhetischen Bedeutung de3 Charakteristisch-Hässlichen in der Kunst zu haben. Hier ist nicht der Ort ein Kolleg über Aesthetik zu halten. Doch selbst dem auf diesem Gebiet Wissenschaftlieh völlig Unkundigen sollte nicht das Verständnis dafür abgehen, dass neben der Kiassicität einer Iphigenie auf Tauris und eines Tasso, um den äussersten Gegenpunkt zu nehmen, es eine Kunst der Darstellung gibt, die sich die menschliche Seele in ihren abstossenden Aeusserungen zum Vorwurf nimmt. Für Leser, die in der Weltliteratur des letzten Menschenalters so wenig heimisch sind, dass sie auch von den Meisterwerken jener grossen Dramatiker und Epiker, die ״beim Entsetzlichen verweilen״ nicht Kenntnis genommen, ist freilich der Jeschurun ebensowenig wie die Hatekufah geschrieben. Sie können auch schwerlich den hier erscheinenden nachForm und Inhalt vollendeten Kritiken unseres verehrten Mitarbeiters Armin Blau folgen. Wir wollen selbstverständlich den Verfasser unserer Skizze nicht neben die Heroen der Weltliteratur stellen. Aber dafür ist hier in einer anderen Hinsicht mehr. Es handelt sich so garnicht um l’art pour l’art. Die höchste Idee des Judentums, seine letzte Aufgabe, der eigentliche Sinn seiner Geschichte ist ja hier der Gegenstand. Die ganze Entwicklung zielt doch auf den Höhepunkt hin: die durch die furchtbaren Erlebnisse mit elementarer Gewalt ausgelöste Bekehrung des Christen zum