Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1923) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2293019-2293021--05966-2299249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 Westjüdisches und ostjüdisches Empfinden storbenen Mutter entführt: ein Cabinetsstück. Die beiden Vertreter des Christentums aus den Regionen der grössten Entartung und des vollendeten Menschentums gegeneinander abgestimmt; sinkt der eine tief unter das Tier, versöhnt uns der andere mit der Gattung. Seht, sagt uns der Dichter, durch die Einführung des am Schlüsse als Märtyrer den Tod erwartenden christlichen Ungarn: und doch bleibt die Menschheit, an der man angesichts solcher Bestien verzweifeln möchte, gerettet. Der Dichter selbst hat es noch durch die Ueberschrift, die in Original ״Christen1־* lautet, unterstrichen. (Der Herausgeber des Jeschurun hielt diese Ueberschrift bei einer Uebertragung für deutsche auch christliche Leser zu herausfordernd.) Und dennoch: wie fein abgetönt erscheint immer noch der Gegensatz zwischen dem Juden, der durch die Brutalüät in sein Schicksal hineingerissen wird, und dem in diesem Fall auf einer noch höhere Stufe stehenden christlichen Ungarn, der sich freiwillig zum Martyrium drängt. Der Ungar kühlt seine Rache an dem Kommandanten, ein menschlich durchaus begreiflicher Akt. nach dem, was wir von diesem Teufel gehört und ein künstlerisch versöhnender Abschluss, den unser Gerechtigkeitsgefühl fordert. Vielleicht hätte auch der Jude so gehandelt, aber es ist ein feiner Zug des Dichters, dass diese Tat, die in der mit Augenblieksgeschwiodigkeit sich abspielenaen letzten Scene als. eine Art Reflexauslösung nur gewertet werden kann, gerade von dem Ungarn vollzogen wird, dem das geheiligte Morden des Feindes im Kriege als ererbte Funktion geläufig ist. Und der Jude? Das ergreifendste ־wohl wiederum in dem erwähnten Traume, dort, wo der Mensch die Gedanken und Bilder aus dem Unterbewusstsein schöpft, da er in seinem Sinnen und Fühlen mit seiner Ahnenreihe bis in die graue Vorzeit verknüpft ist: Kein Schrei der Rache von dem Glied der Bekenner des sögenannten Gottes der Rache. Im Traume, da denkt und fühlt er wie all seine Ahnen gedacht und gefühlt, das Volk der Verfolgten, des Lammes, wie es bei Jesajah zur Schlachtbank geführt wird: I)ie Uhr an der Wand schlug : eins — der Klang tönte in mir fort: Din, din, din, din — din ... es wurde mir so warm — ein Gefühl der Trunkenheit: Zu sterben. .jetzt zu sterben, so einzuschlafen, im Sitzen, wie schön; ich sterbe und fühle gar nichts. Die Seele zieht hinaus, leise, wie w׳armer Hauch, steigt sie empor. Ich liege in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.