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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 444

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 444 (sequence 60)
Language
German
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444 Die religiöse Immanenz vor Ehrfurcht und Schauer nicht mehr wüsste, wo er ist, und alles mehr oder weniger Verstandesmässige und Erkennerische sei aufgehoben, in Tränen erlöst und aufgelöst, erst jetzt beginne das wahre Gebet. Hier ist tatsächlich die religiöse Intuition in ihrer Reinheit (in unserer Terminologie: die Immanenz) ganz introspektiv überzeugend dargetan. Und der grosse Maggid schliesst diesen Gedanken mit den Worten: ״So lange er nicht dazu gekommen ist, ist er noch kein wirklicher Jude“. — Das Gleiche als metaphysische Einsicht meint der bedeutende französische Denker ßavaisson: nicht durch Ueberlegung, nicht durch intellektuelle Intuition erfassten wir Gott, sondern durch Intuition der ganzen Seele in ihrer allseitigen Aktivität usw. usw. Ueberhaupt ist der ganze französische Spiritualismus des 19. und 20. Jahrhunderts auch für unsere Fragestellung von grosser Bedeutung, da er die ganze innere Erfahrung metaphysisch vertieft und interessanteste philosophische Systeme gezeitigt hat. -- Auch der religiöse Mensch hat immer wieder eingesehen, dass sein religiöses Weltgefühl etwas ganz spezifisches ist. Das eigentlich Religiöse sei von allem Gedanklichen zu reinigen und als eigenartiges in sich selbst lebendes Gefühl hinzustellen. Hierauf beruhen die immer neu gestellten Forderungen, das religiöse Leben aus seinen Verquickungen mit Kunst, Metaphysik, nach vielen sogar mit der Ethik loszulösen und in seiner Reinheit immer neu aufleben zu lassen. — Wie das religiöse Weltgefühl gleichwohl über viele andere Bewusstheitsfülle (ästhet., ethischer, auch metaphysischer Art) verstrahlt, nach unserer Ansicht sogar verstrahlen mus3 und mit ihr oft ganz untrennbare, lebenswirkliche, bedeutende Einheit eingeht, haben wir oben schon gerechtfertigt und begründet. — Das religiöse Bewusstsein, folgerichtig entfaltet, vermag sich nur als Immanenz zu bewahren. Hier beginnt jede religionsphilosophische Problematik, die gleichwohl — wie wir es ver־ hi - klar ausgesprochen werden kann und muss.

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