Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 439 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Immanenz 439 Judentum zu berichten weiss, kann uns zum Glück nur kaum beschäftigen und enthebt uns der Mühe einer ermüdenden Kritik. Judentum sei in Geboten einer geschäftigen Nichtstuerei begründet und er fügt hinzu: gratis anhelare, multa agendo nihil agere (§ 12). An einer anderen Stelle spricht er von den ״ unter uns lebenden Palästinern“, die — wenn nicht für eine Nation von Betrügern — so doch befremdlicherweise als eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken seien, deren Hauptbestrebung die Ueberlistung des Wirtsvolkes geworden. Und es * folgt noch ein ungenügender sociologischer Erklärungsversuch (§ 46). Sagen wir milde: Was hier, erträumt und konstruiert, den geistigen Wirklichkeiten nicht Rechnung tragend, eine völlige sachliche Ignoranz enthüllt, kann hier füglich von uns übergangen sein. — Auch Herder und Hegel übergehen wir, obwohl über Beide manches^ Erstaunliche erzählt werden könnte. — Eine andere auch hier interessante Nuancierung findet sich bei Christian Morgenstern7). Nicht nur die religiöse, sondern jede eigentümlich jüdische Gestaltung wird jetzt ziemlieh grosszügig abgehandelt. Der Aphoristiker spricht. Begreiflicherweise müsste er sich lediglich an aphoristische Existenzen halten, die in jedem Kulturzusammenhang sich finden (lebendige Symbole eines Ineinanderfliessens der Weltanschauungen), charakterologisch wie geistig die ewig leidenschaftliche Bewegung und Selbstentwicklung des menschlichen Geistes illustrieren und für die jeweilige ausgeprägte Kultur durchaus nicht kennzeichnend sind. Aber er vergreift sieb, verhebt sich an der Last. — ״Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv.“ Was wusste er eigentlich von der jüdischen Kultur? Das eigentümlich jüdische Geistesleben war ihm wohl ganz verschlossen. So hielt er sich an Christus und Spinoza, die doch eigentlich am Rande des Judentums stehen. Was beginnt er mit ihnen? Er deutet sie sicher originell, aber aus 7) Christian Morgenstern: Stufen. R. Piper und Co. München 1918. S. 105 ff.