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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 436

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 436 (sequence 52)
Language
German
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436 Die religiöse Immanenz Nur unzulänglich ist die jüdische Weltauffassung erkannt. Erkennen liesse sie sich nur aus der Universalität des jüdischen Bewusstseins, die nach allen geistigen Kategorien sich entfaltet. — Aber Judentum ist gelebt, und als gelebtes gestaltet. Eine Verklärung des ganzen menschlichen Daseins im Angesichte der Ewigkeit. Emporheben jedes kleinen Geschehens in’s ״göttliche Licht“; religiöse Existenz. Hier rührte Kierkegaard 80 geheimnisvoll an die jüdische Lebensgestaltung. Wie dieser stets sich selbst überstürmende Geist eine kurze Spanne Wegs mit der jüdischen Weltauffassung sich traf, ist bedeutsam gezeigt. Wie er aber weitertrieb und sein ganzes paradoxes Leben entrollte, kann restlos nur von unserem Standpunkt der Immanenz erkannt, wenn nicht gar nacbgelebt werden. — Auch an Dante’s Lebensgang in seiner inneren Tendenz weist Brod mancherlei Verwandschaft mit dem Judentum auf. Zwar hat sich, so scheint mir, gerade Dante in solch dogmatisches Beiwerk gehüllt, dass wir ihm auch künstlerisch nicht mehr ganz unmittelbar entgegentreten. Doch sein Liebesdasein war ganz auf die wenn auch romantische Wirklichkeit gestellt; und seine ״Begegnung mit Gott“ mag, wenn man das dogmatisch-katholische starkanthropomorphe Element nicht sehen will, eine Verklärung des Irdischen im ewigkeitlicben Geiste genannt werden. — Bekenntnis will auch hier bei Brod heissen: Gestaltung seiner religiösen Existenz, seines Daseins im Judentum. Daher tum und Christentum. Auch weiss Ehrenberg anscheineud nichts oder verschliesst sich einfach den noch immer wirklichen ״Höhepunkten des Judentums“, di8 er lieber als die ״vergangenen“ hinstellen zu müssen sich berechtigt hält. Brod’s Werk, das — wie wir schon mehrfach angedeutet haben — doch nur einen Ausschnitt aus der ganzen jüdischen Lebenstotalität gibt, kann richtigerweise nur aus der Höhenperspektive dieser Lebenstotalität gedeutet sein. — Ich selbst muss noch kurz anmerken, dass Brod's Um-Fassung des Hohen Liedes für mich auch rein künstlerisch nicht annehmbar ist. Die ganz unbekümmerte dramatisch-lyrische Form des ursprünglichen Textes ist gerade in ihrer fortgesetzt schwebenden, auf und nieder wallenden, die eigentliche Handlung immer wieder übertönenden Weise viel überzeugender als Brod’s Umstellung, die alles zu durchsichtig macht und den eigentlich zauberhaften Schleier hebt.

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