Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 430 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Eine Weihnachtsfeier zu reden, müde, still. Der Kopf auf dem Tische lag auf der Seite, man sah die durchschnittene Kehle. — Ein Schauer überlief mich. Ich zitterte am ganzen Körper. Von draussen hörte man dumpfe Töne — Erdschollen waren’s vom Grabe, das ge־־ graben wurde, die dumpf an die Mauer fielen, so dumpf, so schwer, so tot. Plötzlich blickten wir uns an, ich und mein Ungar — ich glaube, er wars, der zu mir sprach, der mich leise fragte: Werden sie uns wirklich lebendig begraben? — und wieder diese dumpfen Töne. Stille — Stille so schwer wie Blei. Der Kommandant taumelte hin und her. Er war betrunken. Die Uhr an der Wand schlug: eins — der Klang tönte in mir fort: Din, din, din, din — din . . . es wurde mir so angenehm warm — ein Gefühl der Trunkenheit: Zu sterben . . . jetzt zu sterben, so einzuschlafen, im Sitzen, wie schön, ich sterbe und fühle garnichts. Die Seele zieht hinaus, leise, wie warmer Hauch steigt sie empor. Ich liege in der Erde, im Grabe, und sie zieht durch die starre Materie hinaus, schwingt sich enger zu den himmlischen Höhen. Dort ist — meine Mutter. Sie wartet auf mich — auf die Seele ihres Sohnes. Sie empfängt mich voller Wehmut und Erbarmen, küsst mich mit heissem Kusse, wie lindert doch ein solch mütterlicher Kuss unter Tränen den Schmerz, ich schlafe ein auf ihren Knien . . . Erwacht, seh ich mich an ihre Brust gelehnt, umarme sie, wie warm fühlt sie sich, welch Leben strömt aus dem Erbarmen dieser Liebe. Ich schütte mein Herz vor ihr aus: Sie schlugen und sie quälten mich, begruben mich lebendig. Ich drücke sie fest und lege mein Haupt an ihre Brust. Ich schlafe, träume: Meine beiden toten Freunde sind zum Leben auferstanden — und lächeln: *Furchtbar war’s? Und dennoch leben wir ... sie haben’s nicht geschafft.״ Lachen und jauchzen und tummeln sich wie Kinder, wie Engel . . . Licht, Glück. Es tönt ein Lied — din, din din — — Eine rohe Stimme schreckte mich auf: ״Na, Hunde, kommt!“ Wir gingen. Draussen war’s kalte Nacht, feucht und schwarz. Das Grab war fast schon fertig. Die Soldaten graben, man