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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 417

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 417 (sequence 33)
Language
German
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Eine Weihnachtsfeier 417 jüdisches Lied, die anderen liessen sich aber nicht stören. Es kam ihnen wahrhaftig nicht auf eine Disharmonie an. So hatte ich Zeit, mich umzusehen. An den Wänden hingen Heiligenbilder und Spinngewebe, aber unter der Last des dicken Staubes drohten diese auseinanderzufallen. Auf dem Bette lag so etwas wie ein Offizier, lang ausgestreckt und schnarchte tief. Das Schnarchen passte so recht in die ganze Symphonie des Unreinen. Auf dem Herde brannte ein Feuer und darauf stand eine Pfanne mit Schweinefleisch. Das spritzte und brodelte wie in Wut. Und der Geruch, der von diesen Fleischstücken aufstieg, mischte sich mit dem Schnapsgeruch und dem Rauch: Das Ganze eine Symphonie des Ekels. Unter dem Tisch aber lag ein Mann, der rührte sich nicht. Ich sah näher zu: er hatte keinen Kopf. Mich schauderte und jede Spur der benebelnden Atmosphäre schwand. Starr sah ich auf meinen Kameraden: Wo war der Kopf? Der Kopf war auf dem Tisch. Zwischen den Flaschen und Gläsern mitten im roten Wein, der ringsum vergossen wrar, stand der Kopf. Ja, er stand da, mit halbem Nacken — die Augen zur Hälfte geöffnet, in seinem Munde — eine glimmende Zigarre. Man merkte gleich: das war der Kopf eines Juden. — Nur wer die Sprache der Dämonen kennt, der unreinen Geister, der vermag das Gefühl zu schildern, das mich in diesen Augenblick durchzog. Leichen mit zertretenen, abgerissenen Gliedern das gehört zu einem ordentlichen Krieg. Dafür ist das ja ein Krieg für Freiheit und Recht. Doch ein solches Bild geht eigentlich über das Mass dessen hinaus, wofür man die Freiheit und das Recht ins Gefecht führen kann. Das alles denke ich natürlich jetzt, wo ich diese Geschichte niederschreibe; damals hatte ich überhaupt keinen Gedanken! Das Durcheinander von Zigarrenrauch, dampfenden Getränken, die mit Menschenblut vermengt, das ganz sicher noch warm war, von all dem war ich wie vor dem Kopf geschlagen. Meine Augen rollten in ihren Höhlen, mein Herz schlug bis an den Hals, auf der Zunge spürte ich einen Geschmack, wie von 3

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