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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 416

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 416 (sequence 32)
Language
German
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416 Eine Weihnachtsfeier für meine Person liebe nicht solche Unterscheidungen : Jude, Nichtjude. Aber in dieser Geschichte, die ich hier erzählen will, fragte mich das Schicksal nicht, ob ich unterscheiden wollte zwischen Jude und Nichtjude, dem Zwang gehorchend musste ich mein Judesein fühlen — ich musst’s bis zum Entsetzen. Also: Drei Juden waren wir und zwei Ungarn. Schon war es uns gelungen, wichtige Dinge von der Front des Feindes zu erkunden — da fielen wir in einen Hinterhalt. Feindliche Vorposten hatten uns von allen Seiten umstellt — es gab kein Entkommen. Wir waren gefangen; es war 10 Uhr abends. Zu dreissig waren sie; sie führten uns in ein kleines Dorf, das zur Hälfie zerstört war. Es gelang ihnen nicht, uns alle zu ihrem Kommandanten zu bringen. Einer von den Ungarn entkam auf halbem Wege. Nachdem sie uns aufs gründlichste untersucht — führte man uns zum Kommandanten. Wir näherten uns einer niedrigen Hütte. Sie war schon baufällig, gedeckt mit faulendem Stroh, sah so recht wie ein Sohn des armen galizischen Volkes aus. Man führte uns in diese trunkene Hütte. Heisse Luft strömte uns entgegen voll Schnapsgeruch und beizendem Rauch. Es war als öffnete ein Ungeheuer seinen scheusslichen Rachen und gösse über uns seinen giftigen augenblendenden, atemverpestenden Speichel aus. Kaum hatten wir die Augen geöffnet, da stand vor uns ein wildes Bild. Ein gedeckter Tisch überladen mit Getränken *verschiedener Farbe und jeder Art Geruch. Um den Tisch herum sassen Soldaten, russische Offiziere jeder Gattung: Infanterie, Kavallerie, Kosaken und Betrunkene ohne Rang, sie rauchten, tranken und johlten in jenem beschwingten Zustand, der schon halb an Bewusstlosigkeit grenzt. Der russische Unter־ Offizier der uns führte, trat vor einen unter ihnen und machte in vorschriftsmässiger Haltung die Meldung, er habe österreichische Gefangene gebracht. Der Offizier glotzte den Unteroffizier mit verschwommenen Augen an, tat als ob er ihn verstanden und sagte ״Gut! Wegtreten!״ Uns sah er gar nicht an, sang weiter und trank und mit ihm die ganze Runde. Einer brüllte ein

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