Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 414 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Zum Eroblem der Ethih intellektuellen Reinheit des Systems gelegen ist; darin berührt sich ja der strenge Forscher mit dem strengen Gläubigen, dass ihm Herkunft und Begründang der Sittlichkeit, wenn auch in recht verschiedener Auffassung — nicht gleicbgiltig sind. Vorläufig fehlen der Ethik dis Wege zur Feststellung von Gesetzen, die die Naturwissenschaft zu einer nomothetischen gemacht haben. Wir müssen einzelnes in unserer Betrachtung in den Vordergrund stellen. Mit das Bedeutendste von Heymans’ Buch ist die sorgfällige Ver- Wendung statistischer Untersuchungen. Damit erfüllt er vielfach vernachlässigte Pflichten des Ethikers, die schon v. Oettingen gepflegt und F. A. Lange als Hauptaufgabe bezeichnet hat. Bekanntlich sagt er in seinem Vorwort Geschichte etc. des Materialismus (allerdings in gewaltiger Uebertreibung): meine Logik ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, meine Psychologie auf Physiologie gegründet und meine Ethik Moralstatistik. Jedenfalls demonstriert letztere deutlicher als alles andere die Bedeutung gewisser Temperamente (s. 0.), die gewaltige Veredelung, die durch die Ehe den Menschen zuteil wird. Es wäre gezwungen zu sagen, dass nur die besseren Elemente heiraten. Dass aber die Verheirateten — ceteris paribus — im Durchschnitt in allem tugendhafter und an allen Lastern weniger beteiligt sind, das rechtfertigt allerdings das Institut der Ehe und ganz besonders die von den jüdischen Ethikern propagierte Frühehe. Es verdieut betont zu werden, dass in diesem Punkte mancher erfreulicher Consensus besteht. Ich darf u. a. an Landauers beredtes Lob der Ehe erinnern (Der werdende Mensch). Mit Hinweis auf meinen früheren Beitrag zur Sexualethik1) möchte ich auf die Stellen in Heymans* Buch hinweisen, die diese Frage betreffen. Das Wichtigste ist in diesem Zusammenhang nicht die Forderung der Keuschheit, ehelichen Treue usw., sondern die Motivierung dafür, warum sie in uns schlummert uud geschätzt wird. Es ist der Respekt vor dem Geschlechtliehen überhaupt, nicht lediglich Nützlichkeitslehre, Schutz der eigenen und fremden Geschiechtsehre usw. Hier wird eine beträchtliche Höhe erreiche indem das Ueberindividaelie, ja über eine Generation Hinausgehende, die Verantwortung vor der Zukunft, gelehrt wird. Dass der Weltwille sich bei dem Geschlechtlichen durchsetzt und die Partner mit allen möglichen Listen lockt und übertölpelt, war Schopenhauers Meinung. Das Geschlechtliehe selbst erhält auch dabei den überindividuellen Rang,, freilich nicht in der verehrungsvollen Weise, sondern fast in hämischer Schmähung. So ist durch Heyman’s Darlegungen ausschweifenden biologischen Theorien auf diesem Feld (v; Ehrenfels) die Berechtigung genommen. In einem Punkte muss ich Heymans widersprechen, Wenn ich auch zugebe, dass die wissenschaftliche Ethik nicht heteronom sein kann, so ist gegen die theologische Theorie der Ethik nichts einznwenden, dass die Vorstellung des allmächtigen Gottes noch nicht die des allgütigen und 3) Wolfsberg, Jeschuran VII, 60—91, 1920.