Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 413

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 413 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2293011-2293018--05906-2299189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

413 Zum Problem der Ethik legitimiert Die wirksamste Förderang schafft die sexuelle Selektion. Es ist eine der erfreulichsten Tatsachen, dass durch die Gattenwahl die Welt in ihrer Entwicklung vorwärts gebracht wird. Meist richtet auch der Schlechte bei der Ehewahl seinen Blick auf eine sittlich höherstehende Gestalt. — Wiederum ist es die Statistik, die eine beredte Sprache spricht: durchschnittlich finden sich alle Tugenden in wirklich höherem Prozentsatz bei den Verheirateten, bei allen Lastern sind überwiegend Unverheiratete vertreten. Selbsterziehung bezeichnet den Entwicklungsgang der Menschheit. Sollte je das Gottesreich sich auf Erden verwirklichen, so wird es das Werk der Menschen sein, schliesst Heymans sein inhaltliches Werk. II. Es kann hier weder meine Aufgabe sein, die Grundlagen der Heyman’sehen Ethik eingehend zu prüfen noch in ihren Einzellehren zu diskutieren. Mir scheint nur bemerkenswert, dass Heymans, dessen Buch sehr wertvoll ist, in ihrer Fundierung von den logischen Theorien nicht so stark ab weicht, wie er meint. Der besondere phaenomenologische Sachverhalt des sittlichen Urteils, kurz gesagt: die Tatsache des sittlichen Bewusstseins, lässt sich der Logik (Ordnungslehre) einfügen, wenn man es als ein Anzeichen dafür ansieht, welche Bolle das Individuum in der menschlichen Gesellschaft im Dienst ihres Entwicklungszieles gespielt hat. Beue und sittliche Befriedigung könnten die schlecht oder gut gespielte Bolle anzeigen (So ungefähr Driesch)• Doch würde die-Erörterung über die Einreihung der Ethik in das System der Wissenschaften, ob sie der Logik koordiniert oder — immer natürlich nur von systematischen Gesichtspunkten aus — ihr unterzuordnen ist, sehr weit führen. Uns interessieren hier andere Dinge. Es verdient besondere Hervorhebung, dass eine mit einem solchem Ausmass von Sicherheit begründete Ethik, die auch inhaltsreich ist wie die Heymans’, trotz ihrer empisisehen Basis doch weit über utilitaristisches Niveau hinausführt zu vielen auch der Beligion eigenen Lehren. Die vielen anderen Ethiken, die die Sittlichkeit im reinen Denken begründen oder, zwar auf der selbstbesinnlichen Feststellung des sittlichen Bewusstseins beruhend, dennoch kaum zu inhaltlichen Lehren, zu Yorschriften für das Leben gelangen, haben einen wesentlich geringeren Ertrag. Der praktische Ethiker wird sich der Besultate Heymans’ freuen, idie autonom gewonnen sind — mancher Anhänger heteronomer Ethik wird n einem Zwiespalt sein, soll er die vorschriftenreiche Ethik begrüssen, obgleich sie des göttlichen Gesetzgebens entraten zu können glaubt, oder lieber auf den Fortschritt praktischer Sittlichkeit verzichten? Ich glaube, in praxi verdient wohl die Tatsache einer den sittlichen Fortschritt fördernden Lehre Beachtung. Dabei verstehe ich sehr wohl das Unbehagen sowohl der strengen Theoretiker, denen die Ethik in Heymans'scher Gestalt durchaus nicht so gut gegründet scheint wie etwa die Logik (im weitesten Sinn) — das ist auch meine Meinung — und denen aus theoretischen Gründen am meisten an der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.