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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 412

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 412 (sequence 28)
Language
German
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412 Zum Problem der Ethik Abfall des Teils von Gott die Sunde, in dem Streben nach der Vereinigung des Teils mit dem Ganzen das sittliche Verdienst erblicken. Es gelingt Heymans, die Tugenden diesem Prinzip unterzuordnen. Am leichtesten ist dies für die W ahrhaftigkeit zu erweisen, mit dem Hinblick auf die der Objektivitätstheorie innewohnende Sachlichkeit auch für Liebe und Gerechtigkeit gegen die Mitmenschen. — Die verzeihende Liebe lässt H. nur für den Beurteiler mit weitem Blick gelten, der umfassende Menschenkenntnis hat und auch nur das kleinste Unrecht zu tun sich scheut. Sonst aber hält er es für bedenklich, notorisch böse Neigungen übersehen zu wollen. — Die schon im Zusammenhang mit den anderen ethischen Theorien gestreifte, geschlechtliche Sittlichkeit erhält erst hier ihren gebührenden Platz. Nicht utilitaristische Erwägungen weder im Interesse des einzelnen noch der Gesamtheit machen das Sittliche der Keuschheit etc. aus sondern der Respekt vor dem geschlechtlichen Verhältnis, das Verantwortungsgefühl vor der kommenden Generation — Der kategorische Imperativ Heymans’ lautet: Wolle objektiv. Diesen ethischen Theorien steht, für das Leben ungleich wichtiger, die ethische Praxis gegenüber. Die Beurteilung anderer ist da eine der grössten Schwierigkeiten, die durch Mangel und Lücken im Wissen des Beurteilers, in seinen besonderen Lebenserfahrungen (Misstrauen) begründet werden. Man übersehe auch nicht, dass vieles, was man als Charakterfehler beim Beurteilten auzusehen geneigt ist, nur in Eigenarten des Temperaments seine Ursache hat. Es ist von Bedeutung, dass die Primärfunktionierenden, die affektiv gerichteten, in ihrem Verhalten an sittliche Minderwertigkeit erinnern, während die Sekundädünktionierenden, deren Vorstellungen nicht so schnell aus dem Unterbewusstsein schwinden, den Eindruck grösserer Reite machen. Die Statistik belegt das: Sexuelle Festigkeit Zuverlässigkeit, Widerstand gegen Alkohol etc. ist bei diesen erheblich stärker als bei jenen. Ebenso haben die aktiven Naturen einen höheren Anteil an den Tugenden als die Nichtaktiven. Bei der ethischen Wertung eigenen Handelns stehtim Vordergrund der Pflichtenkonflikt, wo aus verschiedenen objektiven Gesichtspunkten verschiedene Leistungen gefordert werden. Da eröffnet das Gewissen die best begründete Einsicht. Es hat vor unvollkommener Theorie den Vorzug umfassenderer Betrachtung und grösserer Zielsicherheit. — Die Erziehung der eigenen wie fremder Personen gründet sich, unter Voraussetzung des Determinismus, auf die verkümmerten, schlummernden, guten Anlagen, die durch Mahnung etc. geweckt werden. Es müssen feste Assoziationen ausgebildet werden, die die mangelnde Ueberlegung (Sekundärfunktionן stärken. Gehorsam muss sachlich zu rechtfertigen sein; einen blinden Autoritätsglauben hält Heymans für ethisch bedenklich. Die Erziehung des Menschengscblechts ist eine Frage der sittlichen Selektion. Die natürliche Selektion lässt oft die Besten untergehen (Krieg, Konkurrenz). Die künstliche Selektion ist der Erziehung günstiger. Die Kriminal- Justiz scheidet manchen Minderwertigen ans, und sie ist ethisch dazu durchaus

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