Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 411 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Problem der Ethik 411 quenten Nützlichkeitslehre müsste das Ziel mit dem grössten Lustwert gewählt werden), weil sie, die den individuellen hedonistischen Masstab anlegt, angesichts der individuell sehr verschiedenen Lustbewertung — sind doch die psychischen Anlagen erblich bestimmt und damit auch die Vorbedingungen für die sittliche Reaktion — überhaupt zu kein8r überindividuellen Ethik gelangen könnte, so ist der universalistische Hedonismus (Utilismus) viel beachtenswerter. Er will die Ethik aus dem Streben nach grösstmöglichem Glück für die Gesamtheit ableiten; Handlangen und Neigungen sind sittlich, insofern sie das Lustsaldo der Menschheit erhöhen! Tatsächlich lassen sich manche Tugenden, wie die Menschenliebe, mit dieser Theorie gut vereinbaren. Sidgwik meint auch, dass die Keuschheit sich ihr gut einfügt. Aber zweierlei darf man nicht aus dem Auge verlieren: die sittlichen Gefühle lassen sich phaenomenologisch deutlich von den hedonistischen unterscheiden, und iür die Ethik und das sittliche Bewusstsein sind Lohn und Strafe keine allmählich zum Selbstzweck gewordenen Mittel zur Förderung gemeinnützigen Handelns. Da die Neigung im Komplex des Sittlichen im Vordergrund steht, so kann der Grad der Sittlichkeit nicht von der Handlung, die durch Aussicht auf Lohn inauguriert worden ist, abhängig sein. Die sexuelle Reinheit lässt sich von dem Gesichtswinkel des universalistischen Hedonismus nicht zwanglos als sittliche Notwendigkeit begreifen; denn ein relativ grosses Gesamtglüek könnte auch sehr wohl bei fehlender Ehe oder mangelnder praematrimonieller Keuschheit bestehen, wenn nur die Moral der Gesellschaft die uneheliche Mutter und das uneheliche Kind nicht ächten würde. ‘Wotür also eine strenge Sexualmoral zu Recht besteht, muss in anderem der zureichende Grund zu solcher V erpflichtung liegen. Bleiben die intuitivistischen (s. 0.) Theorien. Kants herbe Pflichttheorie, die schon zu seiner Zeit z. B. von Schiller satirisch behandelt wurde, findet in Heymans Augen keine Gnade, weii sie doch noch einen Egoismus des Individuums, sei es auch einen sehr geläuterten, darstellt, das immer besorgt ist, die eigenen Hände rein zu halten. Aesthetische Fundierung der Ethik, wie sie Dichtern naheliegt: Sittlichkeit als Harmonie, scheidet schon deshalb aus, weil wir ein und dieselbe Gestalt ästhetisch bewundern, ethisch aber verurteilen können. Gut und Böse auf die Begriffe Wahr und Falsch zurückzuführen, ist der logischen Theorie Bemühen; sie scheitert daran, dass sie nur Motive eines Ehrenmannes voraussetzt. Sie lässt also wiederum das spezifisch Ethische unerklärt. Gegenüber all diesen Versuchen stellt der Autor nun seine Objektivitätstheorie dar, die der logischen relativ am nächsten steht. Nur greift der Gegensatz von Wissen und Nichtwissen auf den Charakter selbst über, und so ethische Gesinnung sachliche Gesinnung. Nicht Wissen und Nichtwissen überhaupt, sondern Neigung des Charakters zur Objektivität und Sachlichkeit, praktische Weite des Blicks lassen das Urteil der Sittlichkeit zu. Heymans selbst weist darauf hin, dass bereits die alt orientalischen Religionen in dem