Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 410 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Zum Problem der Ethik psychische Hemmungen bei der Person, deren Sittlichkeit in Frage steht zu denken; Provokation, übermässige Affekte, Geisteskrankheiten etc. hindern das örtliche Bewusstsein an der ungestörten Reaktion. Die Erwähnung psychischer Abnormitäten in ihrem Einfluss auf ethische Handlangen führt auf eines der Kernprobleme: die Willensfreiheit. Ohne hier die weitläufigen Erörterungen Beymans wiederzugeben, sei hervorgehoben dass er den Standpunkt des Determinismus einnimmt, wie die meisten Philosophen der Gegenwart und geradezu von einer sittlichen Verantwortung zu sprechen nur bei der eindeutigen Determiniertheit des Wollens und Handelns durch Charakter und Motive für sinnvoll hält. (Aehnlich drückt sich A. Meinong aus: nur deterministisch kann man den Urheber a!3 Täter seiner Taten bezeichnen. Sittlich will und handelt der, welcher nur die sittlichen Neigungen seines Charakters die Tat bestimmen lässt. (Aehnlich schon Spinoza Kant und die meisten Späteren.) Die Abneigung vieler, auch das Ethische als strenger Gesetzlichkeit unterworfen anzuseben, stammt aus der Verwechslm^ physischer und psychischer Kausalität. Determinismus ist nicht identisch mit Fatalismus, und Kausalität ohne Willen, hat ein anderes Antlitz als Kausalität durch den Willen. Gegenstand des sittlichen Urteils ist also der Charakter {nicht die Handlung, die vieldeutig ist), Bedingung ist der von Hemmungen etc. freie, im übrigen durch den Charakter determinierte Wille; wo finden wir nun die Kriterien für Tugend und Laster? Das ist ein schwieriges Terrain: viele Eigenschaften deren eine oft eine Tugend, die andere ein Laster ist, gehen ohne scharfe Grenzen in einander über, z. B. Geiz und Sparsamkeit, und es hält schwer generell ihre Breite zu bezeichnen. Dieser Mangel liegt in der fehlenden ethischen Methodik und empirisch-induktiven Kleinarbeit begründet? die die Ethik gegenüber der Naturwissenschaft so sehr rückständig erscheinen lässt. Eine ethische Rangordnung der Neigungen zu gebeu, ist demnach verfrüht. Da ein letztes Kriterium des Guten und Bösen zwar von fast allen angenommen wird, aber z. Zt. nicht bestimmt werden kann, hat sich die Hypothese dieser Frage bemächtigt: wir haben teleologische und intuitivistische, deren erste annehmen, dass Neigungen etc. nach den Folgen beurteilt werden (Erfolgsethik): die intuitivistischen (der Name ist irreführend) halten sich an ein in den Handlungen etc. selbst gelegenes Merkmal (Gesinnungsethik). Die teleologischen Hypothesen sehen in dem Streben nach Lust undder Vermeidung von Unlust (also in der Erhöhung des Lustsaldos) das treibende Moment der Handlungen, die wir ethisch nennen. Die primitivere Etappe dieser Gruppe bezeichnet der individualistische Hedonismus, die von den Griechen (Sokrates) bis auf die Gegenwart vertreten wird und znm Lehrinhalt' hatte, dass die Tugend glücklich mache; mit Hinblick auf dieses Glück sei es geraten, tugendhaft zu sein. Während die Widerlegung dieser Theorie Heymans mühelos gelingt, weil sie nicht berücksichtigt, dass mancher trotz geringeren Lnstwertes unter verschiedenen Zielen das ethische wählt (nach der konse-