Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 409 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Problem der Ethik 409 sehiedenen Methoden der Ethik auseinander und lehnt u. a auch die theologische ab, weil sie bewirkt, dass nicht aus rein ethischer Einstellung, sondern weil Gott der Gesetzgeber ist, Gesinnungen und Handlungen das Prädikat gut bezw. böse zugeschrieben, das Sittengesetz befolgt oder verletzt wird. Wir können hier absehen von den Menschen, denen Strafandrohung oder Lohnverheissung ethischer Ansporn ist; auch wer mit dem Autblick zn Gott als dem Herrn des Worts die Sittlichkeit begründet, hat keine eigentliche Ethik angebahnt; es wäre nämlich die Erkenntnis und Definition dessen, was gut ist, einfach von den Geboten auf den Gesetzgeber zorückverlegt; in der Allmacht Gottes aber sei noch nicht die Güte eo ipso eingeschlossen, so dass man von jener aus zur Begriffsbestimmung gut gelangen könne. Eben so wenig lässt Heymans die philosophisch-naturwissenschaftlichen Ethiken gelten. Wenn wir nämlich unser ethisches Urteil phaenomenologisch prüfen, dann entdecken wir in ihm einen Wertfaktor, der dem reinen Tatsachenurteil der Naturwissenschaft fehlt. Vom Sein führt kein unmittelbarer Weg zum Sollen. — Diesen von den Sonderwissenschaften ausgehenden Ethiken steht die kritizistisehe gegenüber, die auf dem Wege reinen Denkens begründet wird, ohne Berücksichtigung der tatsächlich vorliegenden sittlichen Urteile; gegen Windelband, der dergestalt die Ethik fundierte und dabei der formalen apriorischen Charakter gab, die materiale aber dem Historismus preisgab und für das materiale Prinzip nur die allgemeine Fassung fand:;,Tu das Deine, damit in der Gesellschaft, der du angehörst, ihr gemeinsamer geistiger Gebalt zum Bewusstsein und zur Herrschaft gelange“, verficht Heymans die Zuverlässigkeit der tatsächlich gegebenen sittlichen Urteile, denen Windelband misstraut: der formale Pflichtbegriff sei uns, genau wie der Pflichtinhalt, nur in der Erfahrung des besonderen sittlichen Urteils ge. geben. Deshalb sucht er einen Zugang zur Ethik auf empirisch-analytischem Weg. Auch auf ethischem, ebenso wie auf theoretischem Gebiet gibt es keinen festeren Grund als die klare Einsicht. Die sittliche Beurteilung richtet sich mehr auf die Neigungen und den Charakter, als auf die Handlung, die aueh noch von den Motiven und anderen exogenen Faktoren abhängig ist. Neigung ist eine dauernde Veranlagung des Individuums, die bei der Vorstellung bestimmter Seiten einer möglichen Handlung Wünsche, die auf deren Verwirklichung gerichtet sind, im Gefolge hat. Motive hingegen sind die einzelnen, momentan gegebenen Vorstellungen; der Charakter ist die Gesamtheit der Neigungen in ihren gegenseitigen Stärkeverhäitnissen. — Der Anschauung des psychologischen Hedonismus, nach dem die Vorstellung jeder W unschbefriedigung lustbetont nnd jeder Wunsch auf Lust gerichtet sei, so dass also für die Ethik kein Gegenstand sittlichen Urteils, wie der Charakter vorhanden sei, tritt Heymans für die zweite Behauptung, dass alles Wünschen auf Lust ziele, entgegen. — Dass natürlich das sittliche Urteil gewissen Bedingungen unterliegt, darf nie vergessen werden; so hat man ebenso sicher an äusseren Zwang, wie an gewisse