Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 408 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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408 Zum Problem d6r Ethik Zum Problem der Ethik. (Eine Besprechung der ״Einführung in die Ethik" v. G. Heymans1) von Dr. Oskar Wolfsberg, Berlin. t An keinem Gebiet der Philosophie ist das religiöse Denken so interessiert, wie an der Ethik. Weite Kreise können auf die Probleme der theoretischen Psychologie, der Erkenntnistheorie und der Metaphysik leichten Herzens verzichten und haben kein Verhältnis zu diesen Zweigen der Forschung. Die religiösen Systeme selbst bergen viele auf Erkenntnis zielende Lehren, doch hat wohl keines eine lückenlose Darstellung von Welt, Gtt, Schöpfung etc. gegeben oder auch nur geben wollen. Hingegen birgt jede Religion — und ganz besonders die jüdische —. eine Fülle ethischer Sätze in sich, und viele glauben, dass eine religionslose Ethik möglich sei. Die Philosophen sind freilich fast durchweg anderer Meinung und wie mir scheint mit Recht. Die Wissenschaft hat gewiss das Recht, jedes Problem als ihr zugehörig zu betrachten, auch wenn sie nicht weiss, zu welchem Ende das Unternehmen führen wird. Ich will in dieser kurzen Abhandlung kein8 Lösung* der Frage geben, welcher Ethik, der autonomen oder der heteronomen, der Vorzug gebiihrt; weder lässt sich das auf wenigen Seiten erledigen, noch bin ich auf absehbare Zeit dazu imstande. Der Versuch, den ich hier mache, ist nicht der einer umfassenden Vergleichung und Wertung, sondern mehr eine Berichterstattung für interessierte Leser, wie gegenwärtig die wissenschaftliche Ethik orientiert ist. Dabei wird sich im Laufe des Aufsatzes herausstelien, dass es gewisse Seiten ethischer Fragestellungen gibt, die ganz gewiss nur der Wissenschaft zugehörig sind, aber deren Resultate über das System hinaus auch für die Ethik der Religion von Bedeutung werden können. Während die religiöse Ethik Gott als Gesetzgeber einführt und Normen für alle Lebenslagen gibt, so dass sie den Namen inhaltliche Ethik verdient, hat die wissenschaftliche immer mehr erkannt, dass die formale Ethik ihr besonderes Feld ist. Welch ethischen Theorien auch immer die einzelnen Systembildner zuneigen, in einem sind sie einig: das sittliche Bewusstsein ist die Heimat und der Ursprung alles Besonderen. In ihm finden wir selbstbesinnlich vor, was wir allgemein als Pflichtbewusstsein, Reue etc. bezeichnen. Sucht also die religiöse Ethik den Weg von den Pflichten zum Träger der Pflicht, so geht die wissenschaftliche von dem Subjekt der Moral zu dem Objekt. Es ist kein Wunder, dass diese methodische Verschiedenheit — von anderen abgesehen — grosse Unterschiede der heteronomen und autonomen Ethik bedingt. G. Heymans, der Groninger Philosoph, dessen im Untertitel genanntes Werk wir besprechen und einigen anschliessenden Erörterungen zugründe legen wollen, setzt sich im Eingang seiner Schrift mit den ver-!) Joh. Amhr. Barth, 2. Aufl. Leipzig 1922־.