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Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 396

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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896 Die Urattribute Gottes usw.' Die Gerechtigkeit Gottes ist lückenlos, und Seine Liebe kennt keine Grenzen, und so müssen die beiden Attribute auf- und gegeneinander stossen, jedes, für sich gesehen, fordert ausschliesslich den Gesamtbereich der göttlichen Tätigkeit. ״Konsequenter״ und folgerichtiger ist darum das Christentum, wenn es die Liebe Gottes zum Alleinherrscner macht. Aber diese Einseitigkeit hat zu Vorstellungen geführt, die für uns viel weniger vollziehbar sind als die Widersprüche, in die uns das Nebeneinander der Attribute Gerechtigkeit und Liebe in Gott verwickelt. Bei uns der Anthropomorphismus: Gott betet, wenn Er die Welt richtet: Seine Liebe möge Seine Gerechtigkeit überwinden. Dort die Menschwerdung Gottes, ein Gott, der stirbt, und in der Bergpredigt Forderungen stellt, die so ideal, dass ihre Ausführung in einer Welt des Diesseits im Zusammenleben der Menschen undenkbar, ja eine völlige Aufhebung alles Rechts und aller Gerechtigkeit bedeutet, auch niemals im Verlauf der unter der Herrschaft des Christentums stehenden Kulturwelt zur Wirklichkeit geworden. Richtig bemerkt Heinemann*), dass die völlige Leugnung der Pflichten des Einzelnen zum Schutze des Rechtswesens, wie sie uns im Urchristentum der Bergpredigt entgegentritt, nur verständlich wird durch dessen Einstellung auf das unmittelbar bevorstehend gedachte Weitende. Ja, voller scheinbarer Widersprüche ist das jüdisch erfasste Urattribut der liebenden Gerechtigkeit Gottes. Furchtbar die Schilderungen Seiner Strafgerichte. Und daneben: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehre und lebe. Gott ist nicht wie der Erdensohn, dass Ihn etwas gereue und in derselben Thora: Gott bedenkt sich ob des Bösen, das Er Seinem Volke antun wollte. Und in einem und demselben Satze: Der Ewige bleibt in Seiner Güte unwandelbar, langmütig und reich an Huld and Treue, bewahrt die Liebe tausenden von Geschlechtern, ahndet aber die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern. Die Gerechtigkeit wird zum innersten Prinzip der Welt gemacht, aber Gott erkennt, dass die Menschheit nicht *) ״Der Gott der Rache“. Jesehurun V, S. 393.

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