Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1922-11-01 · Heft 11-12 (November 1922) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 11-12 (November 1922)
Date
1922-11-01
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2293011-2293018--05885-2299168
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

392 Die Urattribute Gottes usw. immer mehr von der werbenden, erziehenden alles durchdringenden Kraft, auch die weltbeherrschende Tochterreligion, die in der Geschichte der Kultur durch Jahrhunderte eine grosse Macht geübt; aber der krasse Widerspruch, den sie zwischen Lehre und Leben duldete, liess diese Macht völlig ins Wanken geraten. Das veränderte Weltbild mit dem Anbruch der Neuzeit verstärkte diese die Religion untergrabenden Tendenzen. So wurde die Religion zu einem einzelnen Neben zweck im Leben, gerade ihre Wahrheiten wurden als eine Spaltung der Wirklichkeit in zwei Reiche abgelehnt, eine falsche Lehre vom Eins aufgestellt. Der Monismus, die neue Weltanschauung, hat seinen eigentlichen Ursprung in dieser veränderten Lebensauffassung. Er wollte den Dualismus im Menschen überwinden, er hat ihn in Wahrheit, weil ihm das religiöse an der inneren Einheit Gottes sich orientierende Einheitsbestreben fehlte, nur gesteigert. Es würde zu weit führen, wollten wir zeigen, wie wenig es irgend einer Form der auf philosophischer Spekulation beruhenden die Einheit des Denkens und Handelns fordernden Welt- und Lebensanschauung gelungen ist, den Menschen auf seinem Wege einer Ueberbrückung der Gegensätze in seinem Inneren zu fördern. Aller fröhliche Stolz, mit dem der Materialismus und Realismus, auf die gewaltigen Erfolge in der 'Naturforschung und der erfinderischen Technik pochend, auszog, vermochte nicht zu hindern, dass er in seiner Einseitigkeit und völligen Unfähigkeit, die letzten Probleme der Wissenschaft und des Lebens zu lösen, erkannt wurde und sich kläglich bescheiden musste. Aber auch der philosophische Idealismus, der doch wahrlich in erster Reihe darauf ausgeht, das Ganze des All zu verbinden, bewies, so sehr er einzelne hervorragende Geister ethisch gehoben, nicht die Kraft, ,auch nur dem höheren Durchschnitt der Menschen die Richtung zu weisen. Nicht zum wenigsten durch die Uebertreibung der einen Seite des Gegensatzes. Und die Judenheit, die seit dem Kälberdienst in der Wüste so oft nach fremden Göttern ausblickend, in die Fusstapfen der führenden Männer ihrer Umgebung getreten, teilt die innere Zerrissenheit des modernen Menschen. Und wenn sie, dem all-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.