Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 382 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Hermann L. Strack an der Wirksamkeit Hermann Stracks völlig in den Hintergrund tritt gegenüber den ausserordentlichen Verdiensten, die er sich um das Judentum erworben. Diese sind um ein Beträchtliches bedeutender als die Franz Delitzsch’. Das erscheint auf den ersten Blick paradox. Ist doch Delitzsch’ der schöpferische Exeget, der unsere Bibel mit einer Treue zum Urtext, mit einer genialen Konzeption und einer dichterischen Glut kommentiert hat, dass wir ihm aus unseren Reihern aus der jetzigen Zeit keinen zu Seite stellen können. Demgegenüber nehmen sich die Beiträge, die Strack in dem Strack-Zöckler’schen Kommentar zur Bibel geliefert hat, hur trocken aus. Und hat doch Delitzsch sich in der jüdischen Wissenschaft so schöpferisch betätigt, dass er neben den ersten Grössen zu den Bahnbrechern zu zählen ist. Strack hat eigentlich immer nur Bausteine geliefert und mit freilich unermüdlichem Fleisse Materialien zusammengetragen. Auch in der Kenntnis der rabbinischen Literatur übertrifft ihn zweifellos Delitzsch. Aber das eine hat er vor Delitzsch voraus, dass er unermüdlich und immer und immer wieder für das Judentum eingetreten ist, wenn die Verläumdung sich gegen seine Literatur, seine Lehren und seine Bräuche erhob. Der kleine, unscheinbare Mann, dessen von manchem Leid und mancher Not erfülltes Leben nur die ununterbrochene Gelehrtentätigkeit verklärte, er besass die Tapferkeit sich immer und immer wieder den Schmähungen und Verungümpfungen zu stellen, mit denen die antisemitische Hetzmeute jeden begeifert, der für das Judentum einzutreten wagt. In dieser zähen nimmer ermüdenden und in der Wiederholung doch so unerquicklichen Arbeit lag seine Grösse. Hermann L. Strack wurde, wie er selbst berichtet*) in den sechziger Jahren durch seine Lehrer Biesenthal und Delitzsch für die jüdische Literatur gewonnen. Ein dreijähriger Aufenthalt in Russland 1873—76 bot ihm Gelegenheit, mit den dortigen Juden und dem Judentum überhaupt näher bekannt zu werden. Er eignete sich eine für einen christlichen Gelehrten gediegene Kenntnis des rabbinischen Schrifttums an. Wenn er es wohl kaum zu der Fähigkeit brachte, in die halachischen Partieen des Talmuds in gleicher Weise wie ein jüdischer Talmudgelehrter einzudringen, so war ihm, doch die Haggada völlig geläufig und Mischnajoth verstand er durchaus zu ״lernen״. Es liefen ihm jedenfalls nie die Fehler unter, die wir sonst an den Produkten christlicher Gelehrsamkeit zu geissein haben und die Aptowitzer in seinem bekannten Aufsatz an den Pranger gestellt. Ein 1j Herr Adolf Stöcker u. s. w.. S. 1.