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Jeschurun · 1922-09-01 · Heft 9-10 (September 1922) · p. Seite 380

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 9-10 (September 1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 380 (sequence 76)
Language
German
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380 Gertrad Marx usw. In dem ״Frauenschicksal״ benannten Teile wird derselbe Faden fortgesponnen. Hier liegt das Originelle in der dichterischen und gedanklich und seelisch tiefen Verherrlichung der Schmerzen der Mutterschaft, diesem grössten Schöpfungswunder der Natur. Sie, die Mutterschaft, lehrt denkende Frauen das Dulden, Verzichtleisten, das selige Glücksempfinden im Heranreifen des Kindes, das Sichopfern im Dienste anderer, sie lehrt, (sagt das Dichterwort) ״Wie die reinste Freude quillt aus tiefstem Schmerz״. Die ״Den Toten״ geweihten Gedichte sprechen wieder vom Entsagen, von schwervernarbten Wunden, von schwererkämpfter Seelenruhe, von liebezärtlichem Gedenken an Frühdahingeschiedene und vom Trost in dem Bewusstsein von der Seele unsterblichem Bestehen. Und Gelegenheitsdichtungen im besten Sinne bringen schlie3slich die ״Im Kriege״ betitelten Poesien. Nirgends erzklirrende Drommetentöne einer Heldenmutter, sondern schlichte, schmerzdiktierte Abschiedsworte und Trostgedanken von Gottes schützender Huld und dem harten Druck der Kriegsnotwendigkeit. * * * Bleibt die Frage nach dem Gesamteindruck dieses Büchleins Poesie. Ist es wirklich reinste, dem Urborn der Schönheit entquollene Poesie? Dazu überwiegt, wie die vorstehende, nur leidenschaftlose Wahrheit erstrebende Skizze zeigt, das Stoffliche und Gedankenhafte zu sehr das Gefühlsmässige, Stimmungsreine. Auch haftet für unser Empfinden diesen Dichtungen zu viel Formales, Formelhaftes, Reimschmiedhaftes an. (Man lechzt manchmal förmlich nach einer kleinen Lässigkeit im Gereimten!) Durch diese Formvollendung um jeden Preis leidet oft der lyrische Schmelz, und es tritt etwas Gewolltes anstelle des seelisch Beschwingten. Jedoch als Erbauungslyrik, als Gedanken- und Gesinnungsbuch für jüdische Frauen und Töchter, als ein mutiges Bekenntnisbuch einer gedankenhohen, vornehm fühlenden Frauenseele ist das Buch hoch zu bewerten. Es ragt an Talent und Können mindestens an die Poesien einer Anna Ritter, in manchen

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