Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 378 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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378 Gertrud Marx usw. Dichterin verkündet, .nur Einblicke in ein tiefes, herrliches Frauengemtit, das mit dem Herzen denkt, Einblicke in die Erlebniswelt einer aussergewöhnlich reichveranlagten jüdischen Frau in schlichtem Tone zu geben versucht. Die ״Neue Folge“ der Gedichte derselben Verfasserin reiht manche Vorzüge an die alten. Doch ein Wesensunterschied zwischen der alten und der neuen Ernte: Nicht mehr religiöse Bekenntnisse, jüdisch-dogmatische Frage- Stellungen und Probleme beschäftigen die Verfasserin, sondern überall ist R e i n m e n 8 c h 1 i c h e s , Allgemeingültiges, wenn auch aus jüdisch-frommer, gottgläubiger Seele Entsprossenes gegeben. Ein Zug der Resignation durchweht diese Blätter, eine Milde des Welt Verstehens, wie es nur höchster Reife eigen ist. Wie goldne Herbsternte nach sommerlicher Reifeglut, wie ruhiges Atmen nach Fieberschauern. Vorübergehend Gewitterdrohen, doch" meist andachtvolles Schauen und Einsammeln alterserprobter Weisheit in edlen Schalen. Sechs Abschnitte bringt das Büchlein, betitelt: Selbstbekenntnisse, Naturbilder, Lebenslehren, F r a u e n s c h i c k s a 1, Den Toten, Im Kriege, und als Anhang eine Reihe Sprüche, deren schönes Motto hier seinen Platz finden soll: Mache Dir die Beobachtung der Gesetze zur Gewohnheit, aber hüte Dich, Deine eigenen Gewöhnheiten Dir zu Gesetzen zu machen. Die Titel dieser sechs Abschnitte kennzeichnen nur andeutend den Inhalt der Gedichte, deren Stärke hauptsächlich im Gedanklichen zu suchen ist. Weniges nur, dies muss gesagt werden, ist durchtränkt von lyrisch-zarter Natursymbolik und von innigem Naturverstehen. UeberaB wiegt das Gedankliche vor, selbst in den ״Naturbilder“ betitelten Stücken. Dies ist die Stärke der Gedichte und ihre Begrenzung. Das Gedankenhafte verhindert oft das ahnungsbange Schauen, das naive Schweben und Schwelgen im Natureindruck. Es behindert den Genuss und die voraussetzüpgslose Hingabe an das Naturhafte, wenn immer wieder, bei jedem und jedem Naturbilde zum Schlüsse der Gedanke, gleichsam die Lehre der Fabel, mathe-