Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 326 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Die religiöse Immanenz Im religiösen Bekenntnis aber ist gar keine erkenntnismässiges Moment als Fragestellung enthalten, auch eine Art religiöser Unmittelbarkeit bedeutet es, nur nicht mehr rein gelebt, sondern schon ausgesprochen. Hier soll auch das Wort Leben bedeuten. Wie in den gesprochenen Werken des Dichters sein unmittelbares, nur ihm selbst ganz offenbares Künstlertum noch lebt, in seinen Gedichten seine ganze himmlische und irdische Liebe, 80 lebt im niedergeschriebenen nnd nacherlebten Bekenntnis des Religiösen seine unmittelbare religiöse Vitalität. Wohl auch hier schon eine sehr feine Art von Reflektiertheit, die erkenntnistheoretisch schwierig zu klären ist und von uns auch hier übergangen werden kann, aber immerhin eine Unmittelbarkeit, Spiegel der lebendigen Seele, ganz unphilosophisch und unreflektiert zu nehmen, als Seelenakt, eine geistige Offenbarung des Bekenners, auf die dann manche auch religionspbilosophische Erkenntnis als auf einer Art empirischen Realität errichtet werden kann. — VJ. Haben wir nun das Religiöse nur in seiner Gelebtheit echt erfasst und einigermassen philosophisch umschrieben, so haben wir gewissermassen nur die formalpsychische Daseinsart, noch nicht das Inhaltlichpsychische und noch ni^ht die geschichtliche Objektivierung, die im individuellen und gesellschaftlichen Leben gewissermassen objektivierte Religion genügend berücksichtigt. Dies soll noch kurz angedeutet sein, und wir müssen sofort erkennen, dass wir damit zunächst das Reich der Immanenz an- * scheinend verlassen, weil doch der Inhalt des religiösen Lebens auch jenseits der religiösen Einstellung ganz sachgemäss, ganz objektiv, gegenstandsmässig dasteht: als die zahlreichen religiösen Lebensformen, die religiösen Vorschriften, die religiösen Pflichten, die religiösen Vorstellungen und Gedankenzusammenhänge, die alle danach drängen, als Sachinhalte geprüft, verglichen, widerlegt oder anerkannt zu werden. Schliessen sich gar diese religiösen Inhalte zu Religionen zusammen, scheint das Reich der Immanenz unvermeidlich gesprengt. Denn Religionen sind doch auch geschichtliche Wirklichkeiten, dem unbefangenen Blick ganz