Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 324 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Die religiöse Immanenz IV. Gerade in kritischer Besonnenheit, nicht aus dogmatischen Gründen erkennen wir die Inkongruenz von rebgiösem Dasein und dessen Erkenntnis. Auf das religiöse Lehen angewendet ist es nur eine Besonderung der allgemeinen Inkongruenz von Leben und Erkenntnis. Leben ist das Unmittelbarste, ״Existenz״. Er״ kenntnis ist noch in jedem Fall eine Reflexion über das Unmittel־ bare, Transposition der Vitalität in’s Reich .der Mentalität. Und wenn ein scharfsinniger Leser vermeinen sollte, auch diese unsere Untersuchung sei eine solche Transposition, wir würden ihm gar nicht widersprechen. Hier wird das eigentlich Religiöse als Immanenz erkannt. Damit wird keine religiöse Tat, aber die Klärung der religiösen Tat vollzogen. Indem wir aber gerade die Immanenz erkennen, handeln wir in höchster Selbstbesinnung des Geistes. Wir kennzeichnen die religiöse Immanenz. Nicht indem wir sie leben, das wäre keine Kennzeichnung, sondern religiöses Dasein selbst. Aber indem wir sie in die Sphäre der Erkenntnis erheben, enthüllen wir mit rein philo״ sophischem Akzent die religiöse Unmittelbarkeit. Zwar müssten wir weiter ausholen und diese Inkongruenz von Dasein und Erkenntnis auch noch aus der Natur des menschliehen Bewusstseins begreifen. Damit schüfen wir den ganzen Gedankenbau: eine Philosophie des Geistes. Dies soll vielleicht später ausgeführt sein. Hier begnügen wir uns mit der Aufdeckung dieser Inkongruenz. In der Reflexion wird das Unmittelbare in die Erkenntnissphäre verlagert. Das menschliche Bewusstsein bietet das stete Widerspiel von Unmittelbarkeit und Reflexion. Auf der Erkenntnis dieses Widerspiels erst kann eine Klärung aller philosophischen Probleme sich gründen. Eine Einsicht, die gefühlsmässig in’s Lebensphilosophische übersetzt, wo das Unmittelbare als Dasein, die Erkenntnis als Einengung der menschlichen Seele symbolisiert ist, wohl auch der Dichtei meinte: Doch in dem Zwerggebild, geheissen Mensch nie fängt sich Dasein ein, das rollt aufbrausend weiter . ..